Han Kang: Deine kalten Hände

Han Kang Kalte Hände Buchlingreport

„Deine kalten Hände“ ist der dritte Roman der koreanischen Autorin Han Kang, der auf Deutsch übersetzt und auf den Buchmarkt gebracht wurde. In ihrer Heimat ist Kangs Roman bereits 2002 erschienen. International wurde sie durch ihren Roman „Die Vegetarierin“ bekannt, der 2017 im Aufbau Verlag herausgegeben wurde.

„Deine kalten Hände“ handelt von der Geschichte des Künstlers Jang Unhyong, der sich auf die Anfertigung von Gipsplastiken einzelner Körperteile spezialisiert hat. Eines Tages verschwindet er spurlos und hinterlässt nur ein Manuskript, das einer Art Biografie gleicht. Seine Verwandten versuchen nun mit Hilfe dieser Schrift Unhyong wiederzufinden. So landet der Text bei der Schriftstellerin H., die den Künstler kürzlich kennen lernte und ganz gezielt nach dem warum fragte. Warum fertigt er diese Skulpturen an?

Diese Frage scheint Unhyong etwas aus der Bahn zu werfen und er begibt sich mithilfe des Texts auf die Suche – und der Leser gleich mit. Wir erfahren von Unhyongs trauriger Kindheit. Seine Eltern sind emotionslose Roboter, die nur aus gesellschaftlicher Verpflichtung lachen oder weinen, je nach Anlass. Schon als Junge versucht Unhyong sich daher von dieser maskenhaften Welt loszulösen, ist eher Einzelgänger und geht später in seiner Kunst auf.

Eines Tages lernt er die Studentin L. kennen. Sie wirkt monströs, ist übergewichtig, unförmig – aber Unhyong entdeckt ihre schönen kleinen Hände, die ihm fast heilig erscheinen. Denn für Unhyong sind Hände wie ein zweites Gesicht. Schließlich hat er gelernt, dass Gesichter nur Masken tragen und Emotionen nicht widerspiegeln. In Händen können man eher den Charakter des Menschen ablesen. So beginnt er Abdrücke von L.s Händen zu machen. Und scheint beim Abnehmen der Gipsschichten auch langsam die Hüllen seiner Muse zu abzustreifen. Nach und nach gibt L. preis, wieso sie sich vor der Realität mit Essen schützt und welches menschliche Schicksal hinter der körperlichen Masse lauert.

Ganz anders stellt sich Unhyongs zweite Muse dar. Die Innenarchitektin E. ist wunderschön, selbstbewusst und Männer liegen ihr zu Füßen. Doch der Künstler merkt schnell, dass auch hier nur eine Fassade zu finden ist. Er ist hin- und hergerissen zwischen Faszination und Ekel, wenn er E. trifft. Und als er sie endlich dazu überreden kann, Gipsabdrücke von ihr machen zu dürfen, wird auch die Schutzschicht der starken, emanzipierten Frau schnell durchbrochen.

Das Leben ist eine Hülle, die sich über den Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen.

Han Kang: Deine kalten Hände, Seite 299

Bei diesem Grundtenor ist es kein Wunder, dass Han Kangs Roman beim Lesen unter die Haut geht. Ich mag ihre klare und doch wunderschöne Sprache, die den Lesefluss selbst bei schwierigen Themen ganz einfach scheinen lässt. Auch das Thema, dass der Mensch sein wahres Ich hinter einer Hülle aus Haut versteckt finde ich gerade in Zeiten von Instagram, Photoshop, Schminktutorials für Kinder auf YouTube und steigender Eingriffe bei Schönheitschirurgen absolut aktuell und wichtig. Wir bekommen nur noch vermittelt, dass wir alle perfekt sein müssen. Für Schwäche, Negative oder Probleme scheint in dieser Scheinwelt, die wir uns aufbauen kein Platz zu sein. Dabei kann auch ein perfekter Körper nicht dafür sorgen, unseren emotionalen Ballast in Luft aufzulösen. Gleichzeitig wirkt die Geschichte aber auch etwas konstruiert beim Lesen. Die Rahmenhandlung, in die das Manuskript von Unhyong eingebettet ist, könnte meiner Meinung nach einfach komplett gestrichen werden. Sie trägt nicht viel dazu bei die Handlung voranzutreiben. Und natürlich war es irgendwie klar, dass der ersten „dicken, von den Menschen ungeliebten“ Muse eine Frau mit Modelmaßen und Sexappeal gegenüber gestellt wurde. Trotzdem regt der Roman zum Nachdenken an und schafft eine ganz eigene Stimmung beim Lesen

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