Han Kang: Die Vegetarierin

Die koreanische Schriftstellerin Han Kang wirbelt mit ihrem Roman Die Vegetarierin zur Zeit die Literaturszene auf! In Südkorea ist Han Kang bereits seit langem eine gefeierte Autorin, dort ist Die Vegetarierin auch schon vor neun Jahren schon erschienen. Nachdem das Buch aber dieses Jahr den Man Booker Prize gewonnen hat, erobert Han Kang die Bestsellerlisten auf der ganzen Welt. Und das ist kein Wunder, denn diese bedrückend-betörende Geschichte nimmt einen vollkommen gefangen.

Vegetarismus als Protest

In dem kaum 200 Seiten leichten Büchlein erzählt Han Kang die Geschichte von einer Frau, die beschließt kein Fleisch mehr zu essen und letztendlich versucht, selbst eine Pflanze zu werden. Die Verwandlung von Yong-Hye erfolgt in drei Schritten, die parallel mit den drei Kapiteln des Buches einhergehen und aus drei Perspektiven geschildert werden: Von Yong-Hyes Ehemann, aus der Sicht ihres Schwagers und schließlich von ihrer Schwester.

Die Veränderung kommt für Yong-Hyes Ehemann scheinbar ohne Vorwarnung. Mit einem Mal beschließt seine Frau, kein Fleisch mehr zu essen – weil sie einen Traum hatte. Die einzige Sorge des Ehemanns: Er muss jetzt öfter ins Restaurant gehen, damit er nicht auf sein Fleisch verzichten muss. Und natürlich ist er peinlich berührt, dass Yong-Hye ihn vor seinen Arbeitskollegen und Chefs beim Geschäftsessen blamiert.

Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar. Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. […] [Ich fühlte] mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.

Das es sich hier um keine Liebesehe handelt, wird nach der ersten Seite des Romans schnell klar. Der namenlose Ehemann suchte eine Frau, die keine Mühe macht, für ihn kocht, putzt und das Bett wärmt. Das sie nun nicht mehr Fleisch zubereitret, ja selbst eigentlich nichts mehr isst, ist für ihn nicht nur nicht nachzuvollziehen, sondern auch einfach unbequem. Als Yong-Hye ihm dann auch noch den Sex verweigert, reicht es ihm. Erst wird die Ehefrau vergewaltigt und schließlich vor den Familienrat gezerrt, bei dem ihre Eltern und Geschwister sie zur Vernunft bringen sollen.

Doch auch die Familie schafft es nicht, Yong-Hye zum Essen zu bewegen, der gewaltbereite Vater wird schließlich sogar handgreiflich, um die Tochter zum Folgen zu bewegen. Wobei hier auch schnell die Frage zwischen den Zeilen aufkommt: Geht es ihm überhaupt ums Essen oder einfach darum, dass die Frau bzw. Tochter sich den Patriarchat zu beugen hat, Vater und Ehemann ohne Widerworte folgen muss…

Passive Anti-Heldin

Völlig fasziniert von dieser passiven Anti-Heldin, die sich einfach ihrer Umgebung verweigert, sich nicht mehr anpassen will, die von Männern und Fleischkonsum bestimmten Gesellschaft verneint, konnte ich Die Vegetarierin gar nicht mehr aus der Hand legen. Auch wenn das Buch nicht wirklich dick ist, war das Lesen unheimlich intensiv. Denn gemeinsam mit Yong-Hye werden wir in einen Strudel aus Gewalt, Fremdbestimmung und Sprachlosigkeit gezogen. Diese Heldin ist so sprachlos, dass die Geschichte ihrer Verwandlung nicht mal aus ihrer eigenen Sicht, sondern aus der ihrer Verwandten geschildert wird. Durch das Verneinen von Fleisch, Nahrung und Sprache sagt sich Yong-Hye los von allen Konventionen und vom Druck der Gesellschaft. Erst durch das Verneinen kann sie versuchen, sich frei machen.

Han Kang ist ein unheimlich beeindruckendes Buch gelungen, dass mit schlichter, direkter Sprache schafft, den Leser ins Strudeln zu bringen und tiefe Beklemmungen in uns weckt! Eines meiner absoluten Lese-Highlights in diesem Jahr!

 

Vielen Dank an den Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar!

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