Han Kang: Menschenwerk

Han Kang Menschenwerk Buchlingreport

Han Kang ist schon lange eine literarische Größe in ihre Heimatland Südkorea. Bei uns sorgte ihr erster auf Deutsch erschienener Roman Die Vegetarierin 2016 bereits für riesen Aufregung und erhielt im selben Jahr auch den Man Booker Prize. Im Herbst 2017 ist der zweite Roman von Han Kang unter dem Titel Menschenwerk in Deutschland erschienen – und der ist thematisch auch nicht ohne!

Menschenwerk handelt vom Gwangju-Aufstand im Mai 1980 in Südkorea. Damals lehnten sich die Studenten in Demonstrationen gegen die herrschende Militärdiktatur auf. Was zunächst mit friedlichen Demonstrationen begann, endete in brutaler Gewalt. Das Militär ging mit unheimlicher Brutalität gegen die Demonstranten vor – und gegen jeden, der sich auf der Straße befand. Der Aufstand dauerte eine gute Woche, an deren Ende die Armee das Stadtzentrum von Gwangju mit 20.000 Soldaten, Fallschirmspringern und Panzern stürmte und ein Blutbad veranstaltete. Wie viele Menschen damals umkamen oder verletzt wurde, ist bis heute nicht 100% sicher. Terre des Hommes ging von über 2.000 Todesopfern aus.

Han Kang hat sich bei der Recherche für dieses Buch auf Spurensuche in Gwangju begeben, hat mit Überlebenden und Angehörigen gesprochen. Mit ihrem Buch setzt sie den Opfern dieser unheimlichen Gewalt ein literarisches Denkmal. Und zwingt ihre Leser sich mit der Spezies Mensch auseinander zu setzen. Was bringt Menschen dazu, andere Menschen zu töten? Egal, ob als brutaler Soldat oder als verzweifelter Protestler, der sich schützen will? Wie lebt man mit der Schuld weiter? Wie mit dem Verlust? Und wie sehen die Seelen der Menschen aus? Was passiert mit ihnen, wenn der Körper gestorben ist?

In kurzen Kapiteln schlüpfen wir in die Rollen und Gedanken verschiedener Protagonisten, die die Aufstände miterlebt haben. Da ist Dong-Ho, der seinen Freund sucht, den er bei den Protesten verloren hat. Er weiß, dass der andere Junge tot sein muss – und schämt sich, dass er selbst überlebt hat. Dieses Kapitel war für mich mit am intensivsten, da der Text den Leser bei den Schilderungen beständig direkt mit „du“ anspricht. Natürlich ist Dong-Ho gemeint – aber trotzdem fühlt es sich an, als wäre man selbst der Adressat. Gleich im nächsten Kapitel kommt die Seele des toten Freundes zu Wort. Und so kommen immer mehr Schicksale zusammen, wir erfahren über immer mehr Gewalt, Morde, Blutlust, Folter und Brutalität.

Schonungslose Beschreibungen des Menschenwerks

Dieses Buch ist schonungslos. Sein nüchterner Schreibstil versteckt die blutigen Details nicht. Der Leser kann sich vor ihnen nicht verstecken. Und man fragt sich immer wieder: Wie können Menschen zu so etwas fähig sein? Wie können wir für dieses Menschenwerk verantwortlich sein? Und wie kann man, nachdem man solche Dinge erlebt hat, einfach weiterleben? Denn solche Erinnerungen verfolgen einen ein ganzes Leben. Lassen einen nie wieder los. Und so ziehen sich die Erinnerungen an den Aufstand, der keine 40 Jahre her ist, bis heute. Und schließlich können die Schilderungen an diesen Aufstand auch für jeden anderen Aufstand unserer Zeit gelten. Dieses Schicksal ist nicht nur auf Korea begrenzt.

Trotz der Härte und des Grauens, den der Inhalt bietet, wirkt der Schreibstil aber nicht schwer. So schwierig das Thema auch ist, desto nüchterner und irgendwie trotzdem leicht-lesbar ist der Ton in dem das Grauen geschildert wird. Das macht einen beim Lesen unheimlich betroffen, zieht einen aber auch irgendwie in einen Bann, dem man sich nicht entziehen kann. Fast wie bei Magneten hat mich der Schreibstil in diesem Buch angezogen und gleichzeitig hat der Inhalt mich brutal abgestoßen. Diese Geschichte weckt beim Lesen so viele Emotionen, dass ich sie gar nicht in einen einfach Blogpost schreiben kann. Füllt einen mit Mitleid, Wut, Angst, Trauer, Entsetzen, Verwirrung und so vielen Fragen – und trotzdem habe ich mich beim Zuklappen des Buchdeckels ganz leer gefühlt. Völlig sprachlos! Dass muss man erst einmal aushalten. – Aber auch so schreiben können! Für mich ist Han Kang deshalb wirklich eine unheimlich faszinierende Neuentdeckung! Ich hoffe, dass wir noch viel mehr von ihr lesen werden!

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