Amélie Nothomb: Die Passion

„Ich wusste seit jeher, dass man mich zum Tode verurteilen würde.“ – So drastisch beginnt Amélie Nothombs neuster Roman „Die Passion“. Darin erfindet die belgische Bestsellerautorin die wohl bekannteste Geschichte der Welt neu und lässt Jesus Christus in die Rolle des Protagonisten schlüpfen und seine letzten Stunden schildern: Jesus sitzt allein in seiner Zelle und wartet auf seine Hinrichtung. Er ist komplett alleine und hat ausreichend Zeit über sein Leben zu sinnieren.

Dabei schildert Nothomb ein unheimlich nahbares und persönliches Bild des Heilands: Jesus Blick zurück auf seinen Lebensweg, auf seine faszinierende Reise und auf die Wunder, die er vollbracht hat. Er spricht über die Liebe zu seiner Mutter, die wie kein anderer Mensch voller Liebe ist. Er denkt an seine Geliebte Maria Magdalena. Und natürlich reflektiert er auch über seinen eigenen Aufstieg und Fall. Wie er erst seine Wunder vollbrachte – und die Menschen diese später gegen ihn auslegten.

Wenn ich später darüber nachdachte, fand ich diese Wunder nicht gut. Sie haben das, um dessentwillen ich gekommen war, verfälscht, die Liebe war nicht mehr absichtslos, sie musste etwas bringen. […] Niemand ist mir für meine Wunder dankbar, im Gegenteil, sie bringen mir nur erbitterte Vorwürfe ein“

Amélie Nothomb: Die Passion

So beschwert sich der lahme Bettler, dass ihm jetzt die Almosen ausbleiben. Der Blinde beschwert sich, wie hässlich die Welt ist. Und das Ehepaar aus Kanaan, auf deren Hochzeit Jesus Wasser zu Wein verwandelte, ist empört, dass er es erst so spät getan hat und sie damit als schlechte Gastgeber dargestellt hat. Das zählte alles zu den Gründen, warum Pontius Pilatus Jesus schließlich ins Gefängnis werfen konnte und im Anschluss auf den Kreuzweg schickt.

Jesus Leiden auf dem Kreuzweg

Jesus nimmt diese Passion, diesen Weg körperlichen Leidens, als seine Aufgabe an. Dennoch zeigt sein innerer Monolog seine Angst vor den Schmerzen, seine Zweifel an seinem Leben und vor dem Tod. Dazu gehört auch seine Angst vor dem Durst. Ein Leiden, dass wir alle nachvollziehen können und dass Amélie Nothomb bewusst einsetzt, um Jesus als Menschen darzustellen. Er ist keine biblische Symbolfigur oder himmlisches Wesen, sondern einer von uns.

Nothomb entzaubert die Figur Jesus und stellt ganz deutlich den Unterschied zwischen ihm und dem heiligen Geist da. Jesus ist ein Mensch mit einem Körper, der Schmerzen, Hunger und Durst erleiden kann. Aber auch Liebe empfindet und Freude. Besonders der Durst steht dabei im Zentrum – kein Wunder, ist dies eines der zentralen Leiden Jesus‘ laut der Bibel und auch der französische Titel von Nothombs Buch im Original: Soif.


Es ist kein Zufall, dass ich mir diese Weltgegend ausgesucht habe: Politisch zerrissen war mir nicht genug, ich brauchte ein durstiges Land. Nichts ist der Empfindung, die ich erwecken will, ähnlicher als der Durst. […] Es gibt Menschen, die glauben, keine Mystiker zu sein. Sie irren sich. Wer einmal wahrhaft gedürstet hat, hat diesen Status schon erreicht. Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott. […] Versucht, diese Erfahrung zu machen: Nachdem ihr ausdauernd gedürstet habt, trinkt ihr den Becher nicht auf einen Zug aus. Nehmt einen einzigen Schluck, den ihr für ein paar Sekunden im Mund behaltet. Ermesst das Entzücken. Dieses Wunder ist Gott.

Amélie Nothomb: Die Passion

Und auch mit seinem Vater, eben diesem Gott, geht Jesus streng ins Gericht und kritisiert ihn öffentlich:

Warum so kleinlich, Vater? Begehe ich damit Gotteslästerung? Sicher. Nur zu, dann strafe mich doch! […] Warum tust du mir das an? Weil ich dich kritisiere? Das heißt doch nicht, dass ich dich nicht liebe! Ich bin wütend auf dich. Liebe ermächtigt zu solchen Gefühlen. Aber was verstehst du schon von Liebe? Das ist das Problem: Du kennst die Liebe nicht. Liebe ist eine Geschichte, und man braucht einen Körper, um sie zu erzählen.

Amélie Nothomb: Die Passion

Ein etwas ganz anderer Roman von Amélie Nothomb

Mit diesem Buch ermöglicht Amélie Nothomb eine ganze neue Perspektive auf die Passionsgeschichte. Sie erfindet die Figur des unnahbaren, perfekten Heillands komplett neu. Statt der religiösen Idealfigur wird Jesus zu einem fehlbaren, zweifelnden, liebenden Menschen. Sicherlich hat das Skandal-Potenzial für sehr religiöse Menschen, vor allem, weil Gott hier so deutlich kritisiert wird. Für mich als Atheistin war es aber vielmehr eine berührende und zum Grübeln anregende Geschichte, die für mich oft so unnahbare Religion mit all ihren Vorschriften anders hat wirken lassen.

Ich habe nun schon einige Romane von Amélie Nothomb gelesen und jedes hat mich begeistert. Die belgische Autorin enttäuscht wirklich nie mit ihren raffinierten Geschichten und ihrem speziellen Stil. Die Passion fällt zwar etwas aus dem heraus, was man bisher von ihr kennt. Aber warum soll sich nicht auch eine Amélie Nothomb ein bisschen neu erfinden dürfen?

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