Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies

Im letzten Jahr hat der afrikanische Autor Abdulrazak Gurnah, der 1948 auf Sansibar geboren wurde, den Literaturnobelpreis gewonnen. Und ich war sicherlich nicht allein mit der Frage: Was für Bücher hat dieser Autor bisher geschrieben?

Prompt hat Random House den vierten Roman von Gurnah von 1994 im Dezember neu aufgelegt: Das verlorene Paradies. Und so hab ich mir dieses Buch gleich einmal vorgenommen, um mehr über diesen neuen Literaturpreisträger zu erfahren.

In „Das verlorene Paradies“ nimmt Gurnah uns Leser mit in eine spannende Welt voller Karavanen durch eine Gegend die wir heute Tansania nennen und was früher ein Meltingpot für Händler aus Arabien, Afrika und Indien war. Auch die deutsche Kolonialherrschaft wird bereits angeteasert. Wir erfahren keine Jahreszahl. Aber es schwelen Unruhen im Untergrund der Gesellschaft und es gibt Anzeichen, dass bald ein Krieg heraufzieht. Es wird einen Umbruch geben und die traditionellen Wege stehen kurz vor einem Ende.

Reise ins Herz von Afrika

Genau in dieser Zeit wächst der junge Yusuf auf. Als Kind lebt er bei seinen Eltern in einfachen Verhältnissen auf dem Land. Doch sein reicher Onkel nimmt ihn als Pfand und Sklave mit in die Großstadt, da sein Vater dem Onkel Geld schuldet. Auf einmal arbeitet Yusuf zunächst als Gärtner und dann in einem kleinen Laden in der fiktiven Hafenstadt Kawa. Er arbeitet sich hoch. Gewinnt das Vertrauen des Onkels, der ihn nicht nur aufgrund seine harten Arbeit, sondern vor allem auch wegen seiner Schönheit anziehend findet.

So gelang Yusuf ins Gefolge des Onkels das auf eine Handelsreise geht. Mit Reichtümern, Stoffen und Lebensmitteln bepackt zieht die Karawane aus ins Landesinnere, um dort Waren einzutauschen. Dabei treffen die islamischen Händler auf Ureinwohner Afrikas, mit denen es nicht nur oft sprachliche Probleme gibt. Yusuf ist dabei oft stiller Beobachter. Es passiert oft mehr um ihn herum und „mit“ ihm, als dass er selbst Handlungen auslöst.

So trifft er auf die verschiedensten Personen, die ihm von ihrer Lebensgeschichte erzählen, ihre Kultur mit ihm teilen, ihn aber auch beeinflussen, austricksen oder ihm ihre Traditionen aufbürden wollen. Aber diese Reise ins Herz Afrika lässt den Jungen nicht nur langsam erwachsen werden. Vielmehr nimmt er danach sein Schicksal auch selbst in die Hand.

Abdulrazak Gurnah erzählt mit „Das verlorene Paradies“ eine wundervolle Geschichte über das frühere Tanganyika (jetzt Tanzania) und von den vielfältigen Einflüssen, unter denen dieses Land sich entwickelt hat.

Biblische Einflüsse in der Geschichte von Abdulrazak Gurnah

Bereits der Titel deutet ganz offensichtlich auch eine biblische Konnotation an. Und auch Yusufs Name – wie Josef im Koran genannt wird – macht dies noch einmal deutlich. Der Protagonist wandelt sich vom stillen, naiven Jungen zum Erwachsenen, verliert aber auch gleichzeitig seine Heimat, die ein Paradies für ihn war. Wenn man genau hinsieht, kann man auch Parallelen zum biblischen Josef erkennen, der ebenfalls versklavt wurde, mit der Karavane durch die Wüste zieht und als Traumerzähler auftritt (Yusuf redet immer wieder im Schlaf) und den Pharao dadurch bekehrt oder als Gärtner arbeitet.

Das Ende dieser Coming-of-Age-Geschichte kommt etwas abrupt (ohne zu viel verraten zu wollen). Aber nachdem Abdulrazak Gurnah so viele Seiten für den Weg des Erwachsenwerdens von seinem Helden verwendet hat, will man natürlich auch wissen, wie es ihm weiter ergeht. Doch hier muss der Leser sich das Ende etwas selbst zusammenreimen.

Auf jeden Fall macht dieses Buch Lust auf mehr! Und deshalb wird es hoffentlich nicht die letzte Erzählung von Abdulrazak Gurnah gewesen sein, die nun neu aufgelegt wird. Damit wir in den Genuss weiter spannender Literatur von diesem Nobelpreisträger kommen können.

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