Banana Yoshimoto: Lebensgeister

Lebensgeister Banana Yoshimoto

Ich bin ein großer Fan von Banana Yoshimoto! Deshalb hat es mich total gefreut, dass es ein neues Buch von ihr auf deutsch zu lesen gibt. Und das, obwohl 2015 erst ihr Roman Moshi Moshi erschienen ist. Wie immer in Banana Yoshimotos Bücher handelt auch Lebensgeister vom Tod eines geliebten Menschen. Dabei schafft Yoshimoto es jedes Mal, dieses traurig-melancholische Thema in eine wunderbar-tröstende Geschichte zu verwandeln.

Wenn ein Mensch stirbt – was bedeutet das?

Sayoko und ihr Freund Yôichi haben einen Autounfall. Er stirbt sofort, sie hingegen überlebt schwer verletzt. Danach ist für Sayoko nichts mehr wie es war. Sie muss lernen mit dem schrecklichen Verlust dieses geliebten Menschens umzugehen. Und vor allem, selbst wieder zurück ins Leben finden. Oft wirkt sie gefangen wie in einer Zwischenwelt. Denn nach dem Unfall sieht sie auf einmal die Geister verstorbener Menschen, wie zum Beispiel ihren geliebten Opa, der ihr erklärt, dass Yôichi bereits auf die andere Seite gegangen ist. Aber auch die Geister völlig fremder Menschen erscheinen ihr.

Durch den Unfall steht Sayoko vor dem nichts, sie hat keinen Job mehr, keine Wohnung, muss wieder bei ihren Eltern einziehen. Auch äußerlich hat sie sich sehr verändert. Sie hat buchstäblich alles verloren, was sie Leben ausmachte – und muss nun lernen, damit umzugehen, ihr Leben weiterzuführen und sich neue Aufgaben zu suchen. Diese findet sie zunächst darin, dass sie sich um die Kunstwerke von Yôichi kümmert, neue Ausstellungen organisiert und die Statuen an verschiedene Orte verschickt. Das macht sie meist zusammen mit Yôichis Mutter – und schon plagt sie wieder die existenzielle Frage: Warum habe ich überlebt und nicht er?

Jeder trägt seine Bürden

Mit der Zeit findet Sayoko neue Freunde, wie Ataru, der in einem verlassenen Abrisshaus wohnt in dem seine verstorbene Mutter lebte, und oder Shingaki, der Barkeeper, der Sayoko vor zu viel Alkohol bewahrt. Und sie merkt: Jeder Mensch hat in seinem Leben Bürden, die er zu tragen hat. Jeder muss in gewisser Weise mit dem Verlust umgehen lernen, ob es nun der Geliebte ist, die Mutter oder die Schwester. Und gleichzeitig erkennt sie, wie schön das Leben sein kann, wie einzigartig, welch wunderbare Erfindungen die Natur geschaffen hat und dass man seine Zeit voll auskosten muss!

Wer bei dem Titel Lebensgeister auf eine Geschichte nach der Fernsehserie „Ghostwisperer“ hofft, ist bei Banana Yoshimoto fehl am Platz. Bei ihr geht es darum, wie Menschen mit dem Verlust einer nahen Person umgehen, wie sie zurück in ihr Leben finden können. Und das schafft die japanische Autorin jedes Mal auf eine so wundervolle Art. Jedes Mal, wenn ich wie auf einer Wolke schwebend. Ihre zerbrechlich-zarte Erzählkunst fühlt sich an, als würde man in luftig-zarte Seide gehüllt. Ihre Geschichten wirken ätherisch – aber nicht gekünstelt. Hier geht es nicht um viel „aktive“ Handlung, es ist eher ein Blick nach Innen, ein Nachsinnen über das Leben, die Suche nach dem eigenen Ich – und vor allem nach der Erkenntnis, das man nicht allein ist!

 

Vielen Dank an Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

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