Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott

Was für ein Glück, dass dieser Roman von Zora Neale Hurston wiederentdeckt wurde! Dieses Buch mit seinen nur 250 Seiten hat mich auf so vielen Ebenen berührt. Ich bin so froh, dieses Buch gelesen zu haben. Es ist eine echte Leseperle. Wieder so ein Glückgriff, den ich auch dem Buch „1001 Bücher, die man gelesen haben sollte“, verdanke. Denn der religiös Titel hätte mich im Buchladen sicherlich nicht angesprochen.

Zora Neale Hurston erzählt in ihrem literarischen Klassiker die Geschichte der jungen Janie, die bei ihrer Großmutter in Florida aufwächst. Als das Mädchen langsam flügge wird, hat die alte Dame Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Deshalb wird Janie gezwungen, einen wesentlich älteren Mann zu heiraten. Aber Janie merkt schnell, dass sie so nicht glücklich wird.

„Die vertrauten Menschen und Dinge hatten Janie enttäuscht, deshalb lehnte sie sich über das Tor und blickte die Straße hinauf in die Ferne. Sie wusste jetzt, dass aus der ehe keine Liebe folgte. Janies erster Traum war tot, damit wurde sie zur Frau.“

Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott

Janie lernt Joe Stark kennen, einen jungen wortgewandten Mann, der ihr den Himmel auf Erden verspricht. Sie brennen gemeinsam durch und gehen nach Eatonville, eine der ersten komplett schwarzen Städte in Amerika. Joe schafft es, die Bewohner dort schnell auf seine Seite zu bringen , steigt zum Bürgermeister auf und richtet einen Gemischtwarenladen ein. Während ihr Mann sich immer weiter bereichert, wird Janie klar, dass auch sie nur Eigentum für ihn ist. Er diktiert, was sie tragen darf, wohin sie gehen kann und attackiert sie verbal vor anderen.

„Janie sah ihr Leben wie einen großen Baum, an dem alles erlittene und Genossene, alles Geglückte und Missglückte grünte. Aufgang und Untergang hin in den Zweigen.“

Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott

„Die Jahre tilgten allen Widerstand aus Janies Gesicht. Eine Weile dachte sie, auch aus der Seele.“

Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott

Als Joe schließlich verstirbt, bleibt Janie lange als reiche Witwe allein. Bis sie schließlich Tea Cake kennenlernt. Ihre Romanze mit dem deutlich jüngeren, armen Lebenskünstler stößt den Bewohnern von Eatonville negative auf. Doch das ist Janie egal! Mit Tea Cake kann sie endlich sie selbst sein, die Welt neu entdecken und ist sich sicher: das ist endlich Liebe! Doch da Zora Neale Hurston ihre Heldin die Geschichte rückblickend erzählen lässt, wissen wir, dass auch das gemeinsame Glück mit Tea Cake nicht ewig anhält.

„Schiffe in der Ferne haben jedermanns Wunsch an Bord. Für manche treffen sie mit der Flut ein. Für andere fahren sie immer am Horizont dahin, nie außer Sicht, nie ein in den Hafen, bis der Ausschauer resigniert die Augen abwendet, da ihm an der kalten Schulter der Zeit die Träume gestorben sind. So ist das Männerleben. Frauen hingegen vergessen alles, was sie nicht behalten wollen, und behalten alles, was sie nicht vergessen wollen. Der Traum ist die Wahrheit. Dann gehen sie hin und handeln danach.“

Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott

Ich glaube, „Und ihre Augen schauten Gott“ von Zora Neale Hurston ist eines der traurigsten und dennoch schönsten Bücher, das ich je gelesen habe. Eigentlich ist der Stoff für seichte Groschenromane gemacht. Eine Frau, die ihr Leben lang auf der Suche nach der großen Liebe ist. Aber Hurston hat es geschafft, dass diese Geschichte kein Stück kitschig ist. Vielmehr ist es ein Buch über eine Frau, die nicht aufgibt und die Stück für Stück erwachsen wird und zu sich selbst findet. Sie lernt für sich und ihre Lebensziele einzustehen und schafft sich ein selbstbestimmtes Leben. Für eine Frau im Florida von 1928 keine Selbstverständlichkeit. Janie kann sich locker einreihen in den Kanon aus klassischen Vorbildern wie Elisabeth Bennet aus Stolz und Vorurteil oder Jane Eyre von Charlotte Bronte.

Aber nicht nur der Inhalt, sondern auch die Sprache macht die Lektüre von Hurstons Roman zu etwas ganz besonderes. Bereits an den oben eingestreuten Zitaten wird dies deutlich. Hurston hat eine unglaublich poetische Sprache. In ihren Schilderungen ist jedes Wort wie ein Stück Schokolade, dass man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Die Worte klingen in den Ohren, als ob man einer Blues-Schallplatte lauscht. Alles ist Lyrik. Ein Hauch Melancholie. Eine Prise Hoffnung.

Dass ein Großteil der Geschichte in Eatonville spielt, ist kein Zufall. Denn Zora Neale Hurston wuchs selbst dort auf. Und das macht ihre Erzählstimme so besonders. Denn durch das Aufwachsen in dieser rein schwarzen Community war für Hurston Rassismus keine prägende Erfahrung. Sie gehörte nicht zu einer Minderheit. Ihre Hautfarbe spielte für die Autorin lange Zeit keine Rolle. Gleichzeitig wurde sie von anderen schwarzen Autoren dafür stark kritisiert.

Doch für andere Autorinnen, wie Alice Walker oder Toni Morrision war diese eigenständige weibliche schwarze Perspektive etwas ganz besonderes. Zudem hatte Zora Neale Hurston den Mut, im Slang zu schreiben. Dieser ist zum Glück in dieser Neuübersetzung durch Hans-Ulrich Möhring erhalten geblieben, denn der Übersetzer hat ganze Sätze im englischen Original erhalten, sodass wir einen sprachlichen Eindruck von Janies Erzählton erhalten.

Hinzu kommt in dieser Ausgabe ein wundervolles Vorwort von Zadie Smith, die davon berichtet, wie ihre Mutter ihr das Buch empfohlen hat. Zunächst werte sich die junge Smith dagegen. Doch dann las sie die Geschichte innerhalb von drei Stunden und konnte nur noch weinen. Und ich kann sie gut nachvollziehen. Dieses Buch bringt einen zum Leiden mit der Protagonistin, verzaubert einen mit seiner magischen Sprache und hält einen völlig in Bann. Bitte lest diesen Roman!

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