James Baldwin: Von einem Sohn dieses Landes

Der DTV Verlag hat eine weitere Essaysammlung von James Baldwin neu aufgelegt: Von einem Sohn dieses Landes. In der Übersetzung von Miriam Mandelkow und einem Vorwort von der Schriftstellerin Mithu Sanyal.
Dabei handelt es sich um eine Sammlung von kurzen Essays über Baldwins Erfahrungen mit dem Thema Hautfarbe.

„Das Mysterium der Hautfarbe ist das Erbe aller Amerikaner, seien sie nun dem Gesetz nach oder tatsächlich Schwarz oder Weiß. Es ist ein beängstigendes Erbe, für das Unmengen von Menschen vor langer Zeit ihr Geburtsrecht verkauft haben“

James Baldwin: Von einem Sohn dieses Landes

In den ersten drei Essays analysiert und kritisiert Baldwin verschiedene Bücher und Filme über schwarze Kultur, die seiner Meinung nach, einen schlechten Dienst erweisen. In den 1950er Jahren waren Schwarze sowohl in der Literatur als auch im Film relativ unterrepräsentiert. Doch Baldwin spricht darüber, dass eine falsche Repräsentation genauso schädlich ist wie eine Nicht-Repräsentation. Auch mit Klassikern geht er stark ins Gericht. Zum Beispiel befasst er sich ausführlich mit Harriet Beecher Stowes Roman „Uncle Tom’s Cabin“. Er kritisiert, dass „Onkel Toms Hütte […] ein sehr schlechter Roman [ist], der in seiner selbstgerechten, tugendhaften Sentimentalität viel mit Little Women gemein hat“. Alle ihre schwarzen Figuren sind eigentlich weiß gezeichnet. Außer Tom, der „seiner Menschlichkeit beraubt und seines Geschlechts entledigt“ wird. „Das ist der Preis für die Dunkelheit, mit der er gebrandmarkt ist“.

Ein weiterer Roman ist Richard Wrights „Sohn dieses Landes“, an dessen Titel auch der Name der Essay Sammlung anlehnt. Wrights Roman habe ich mir bereits besorgt, weil mich Baldwin neugierig darauf gemacht hat. Ohne das Buch zu kennen, fällt es allerdings etwas schwer, den Gedankengängen Baldwins an dieser Stelle zu folgen.

Die anderen Essays befassen sich mit den Erfahrungen der Schwarzen in den USA und in Europa. So schildert Baldwin seine eigenen Erlebnisse auf seinen Reisen nach Paris oder in die Schweiz. Wie er verhaftet wird, weil ihm jemand ein Bettlaken aus einem anderen Hotel ausgeliehen hat. Oder wie die Kinder in einem Schweizer Dorf ihm das N-Wort hinterher rufen.

Mein Lieblingsessay in diesem Buch war wahrscheinlich der titelgebende Essay „Von einem Sohn dieses Landes“. Hier beschreibt Baldwin seine Beziehung zu seinem Vater genauer. Wer bereits „Von dieser Welt“ gelesen hat, weiß, dass Baldwin hier schon die Figur seines Vaters als Inspiration genommen hat. Den harten Mann, der nur von seiner Religion angetrieben wird. In diesem Essay wird der Vater uns von einer anderen Seite näher gebracht. Baldwin versucht zu verstehen, was seinen Vater im Leben motiviert. Und er zeigt, wie schwer das Leben für den autoritären Mann war, der versucht seine Familie in einer Gesellschaft großzuziehen, in der all seine harte Arbeit so gut wie nichts wert ist. In einer Welt, wo er daheim der Patriarch ist – aber in der weißen Welt nur ein „Boy“.

Alle Essay sind von ihren Gedanken und Worten unheimlich kraftvoll und präzise. Am meisten berührend ist aber wohl der Essay „Von einem Sohn dieses Landes“. Man wünscht sich beim Lesen fast, dass dieses Buch oder auch nur ausgewählte Essays fest in den Schulunterricht in den USA – aber auch anderswo – aufgenommen werden. Für viele wäre diese Lektüre Augen öffnend. Denn die meisten Probleme, die Baldwin anschneidet, bestehen auch heute noch! Nicht nur für schwarze Amerikaner, sondern auch für andere POC bzw. andere Minorities.

Amerikaner unterscheiden sich von allen anderen Menschen auch dadurch, dass kein anderes Volk so sehr mit dem Leben schwarzer Menschen verknüpft ist und umgekehrt. […] Diese Welt ist nicht mehr weiß, und sie wird nie wieder weiß sein.

James Baldwin: Von einem Sohn dieses Landes
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