André Gide: Die Falschmünzer

Wo soll ich bei dieser Rezension nur anfangen?  Der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger André Gide hat mich mit seinen „Falschmünzern“ ganz schön geistig auf Trab gehalten. Denn der Roman ist unheimlich komplex gestrickt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Edouard, der als ein Abziehbild Gides gesehen werden kann. Er versucht, ein Buch mit dem Titel „Die Falschmünzer“ zu schreiben. – Hier wird schon deutlich, dass dieser Roman keine gewöhnliche Geschichte ist. Edouard fungiert seitenweise als Chronist der Handlung. Wobei es auch einen Erzähler gibt, der nicht mit Edouard identisch ist, und die Handlung ebenfalls kommentiert und ausführt.  

Die anderen beiden wichtigen Protagonisten sind die Gymnasiasten Bernard Profitendieu und Olivier, der Halbneffe von Edouard. Bernard erfährt gleich zu Beginn, dass er das Produkt einer Affäre seiner Mutter ist. Deshalb läuft er von zuhause weg und kommt bei Olivier unter. Während Bernard zum Sekretär von Edouard aufsteigt, fühlt sich Olivier zurückgesetzt. Der ängstliche junge Mann sehnt sich nach Zuwendung und geht schließlich eine Beziehung zu dem manipulativen Grafen Passavant ein, der die Liebe des Jungen für seine Zwecke ausnutzt. Als Olivier dies durchschaut verfällt er in eine Depression.

Um diesen Hauptstrang der Handlung drapieren sich zahlreiche Nebenfiguren, Schauplätze und Geschichten. Das besondere ist aber sicherlich, wie André Gide seinen Roman konstruiert hat. Er bricht mit der klassischen Erzähltradition und bietet seinen Lesern keinen chronologischen Handlungsstrang. Briefe, Szenen, Tagebucheinträge, Perspektivwechsel und vermeintliche Kapitel bzw. Notizen aus Edouards Skript zu den Falschmünzern mischen sich hier durcheinander.

André Gide durchbricht literarische Grenzen

Darin liegt auch das Spannende dieses Buches. Denn zugegeben, auch wenn die Handlung inhaltlich und sprachlich recht schlicht daherkommt, hat der gekonnt dekonstruierte Aufbau in sich. Der Leser tritt somit in eine Welt ein, in der er seinen Sinnen nicht trauen kann. Denn über allem steht die Frage: Was ist echt und was ist gefälscht?  

Der Roman spielt dabei – neben zahlreichen anderen literarischen, kulturellen und philosophischen Verweisen – auf den Falschmünzer-Vergleich von Thomas von Aquin an. Also der Frage: Ist jemand der ein Verbrechen im geistlichen Sinne begeht, genauso schuldig, wie jemand, der dies im weltlichen Sinne tut.

Zwar gibt es auch eine Episode, wo die Gymnasiasten tatsächlich Falschgeld verteilen. Doch Gide beabsichtigt mit dem Titel mehr als nur diesen buchstäblichen Aspekt. Die Figuren kämpfen um den Sinn des Lebens. Zerbrochene Liebe, falsche Lebensentscheidungen, künstlerische Streitereien und das Erwachsenwerden bestimmen ihren Alltag. Der Teufel und die Engel kämpfen um ihre Seelen, während die Figuren über die Wahrheit nachdenken und oft daran scheitern, sie zu entdecken oder selbst umzusetzen.

Ein Buch für Liebhaber komplexer Romane. Und sicherlich eine Geschichte, die beim mehrfachen Lesen immer mehr fasziniert.

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