Michael Ondaatje: Kriegslicht

Kriegslicht Ondaatje Buchlingreport

Micheal Ondaatje, der weltberühmte Autor, der vor allem durch seinen Roman “Der englische Patient” bekannt geworden ist, hat einen neuen Roman herausgebracht. Kriegslicht spielt im London der Nachkriegszeit, handelt von Spionin und ihren beiden Kindern. Und vor allem einer beständigen Suche nach Geborgenheit und Orientierung.

Wer jetzt denkt, dass Kriegslicht ein klassischer Spionageroman ist, hat weit gefehlt. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des Sohnes Nathaniel, der als junger Erwachsener auf sein Leben und das seiner Familie zurückblickt. Denn eines Tages eröffnen die Eltern von dem damals 14jährigen Nathaniel und seiner 16jährigen Schwester Rachel, dass sie die beiden für eine Weile verlassen werden, um nach Asien zu gehen. Der Vater soll dort einen neuen Posten annehmen, die Mutter ihn begleiten – angeblich!

Die Kinder wiederum werden in die Obhut eines Aufpasser übergeben, den dir Kinder nur “den Falter” nennen. Schnell merken Natahniel und Rachel, dass mit diesem irgendetwas nicht stimmt. Und mit ihm kommen immer mehr dubiose Gestalten in den Haushalt, wie zum Beispiel der Boxer, der heimlich Windhunde und weiß Gott was noch ins Land schmuggelt – und irgendwie zu Nathaniels Ersatzvater wird.

Erst später finden die Kinder heraus, dass all diese Gestalten von ihrer Mutter beauftragt wurden, auf die Kinder aufzupassen. Alle sind ehemalige Spione, die gemeinsam mit der Mutter gearbeitet haben. Aber die Mutter selbst hat keine Zeit, ihre Kinder zu beschützen. Scheint immer noch in geheimer Mission unterwegs zu sein. So sind Rachel und vor allem Nathaniel geprägt von einer starken Orientierungslosigkeit und auf der Suche nach einer festen Größe in ihrem Leben, auf einer beständigen Suche nach Halt und Geborgenheit.

Das hält bei Nathaniel auch im zweiten Teil der Handlung noch an, als er als 28jähriger versucht die Vergangenheit seiner Mutter zu erforschen, um mehr über sie zu erfahren. Wie auch der Protagonist erhalten auch wir Leser von Ondaatje immer nur kurze episodenhafte Szenen präsentiert, die sich verhältnismäßig lose aneinander reihen. Wir stapfen sehr lange mit Nathaniel im Dunkeln, fischen im Trüben, können nur erahnen, um was dieser Roman eigentlich geht. Vieles scheint in eben dieses Titel gebende Kriegslicht getaucht zu sein.

Der Krieg wirft noch immer seine Schatten in das Leben der Menschen. Und viele, allen voran Nathaniel, versuchen Licht in dieses dunkle Kapitel zu bringen. Und auch wir lesen versuchen dies, bei dem Roman. Denn obwohl die Geschichte von Ondaatje wunderschön geschrieben ist und sehr spannende Momente birgt, fühlte ich mich oft etwas im Dunkeln allein gelassen, fragte mich, wo der Ausweg oder Sinn dieser aneinander gereihten Bilder ist.

Ondaatje beim Internationalen Literaturfestival

Ondaatje beim Internationalen Literaturfestival

Vielleicht liegt es daran, dass Michael Ondaatje selbst beim Beginn des Schreibens seiner Romane gar nicht weiß, wo die Geschichte einmal hinführen soll. Das erzählte er kürzlich beim internationalen literaturfestival in Berlin, als er Kriegslicht dort vorstellte. Für Kriegslicht hatte er zu Beginn nur die Idee, dass der Roman in London spielen sollte und zwar nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Alles andere fällt Ondaatje erst beim Schreiben selbst ein, seine Recherchen stellt er auch erst dabei an und wenn er nicht weiter weiß, dann wird ihm schon eine Figur zu Hilfe kommen.

 

Mir fehlte aber irgendwie etwas an dem Roman. Vieles ist unausgesprochen, steht zwischen den Zeilen, wabert im Dunkeln vor sich hin. Das erzeugt natürlich eine besondere Stimmung, aber für mich fehlte etwas die Auflösung des Ganzes. Hier hätte Ondaatje mit mehr Seiten für meinen Geschmack noch etwas mehr herausholen können. Seinem Leser mehr an die Hand geben können. Trotzdem ist es ein toller Roman, wenn man sich auf diese Halbwahrheiten und das Unvollständige einlassen kann.

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