Leonid Zypkin: Ein Sommer in Baden-Baden

Fast wäre Leonid Zypkin in literarische Vergessenheit geraten. Wäre da nicht Susan Sontag gewesen, die beim Bummel auf dem einem Flohmarkt in einer Bücherwühlkiste das Bändlein hervorzog, es las und sich in die Geschichte verliebte. So fand Zypkin seinen Weg zurück in die Weltliteratur und wurde nun vom Aufbau Verlag in einer neuen Ausgabe erstmals mit den Originalfotos des Autors veröffentlicht.

Zypkin kam 1926 in Russland zur Welt als Kind jüdischer Eltern, die beide Mediziner waren. Leonid Zypkin trat in die Fußstapfen seiner Eltern, studierte auch Medizin und arbeitete als Pathologe. Doch nebenbei hatte er eine große Leidenschaft für Literatur. Er verehrte Dostojewski und schrieb auch selber Geschichten und Gedichte. Auch die Fotografie ist eine große Leidenschaft Zypkins, die er mit seiner Liebe zu Dostojewskis Werk kombinierte. Und so kommen wir als Leser dieser Ausgabe in den Genuss durch Zypkins Fotos Einblicke in das Leben Dostojewskis zu werfen. Denn Zypkin recherchierte viel und machte Bilder nicht nur von den Aufenthalts- und Wohnorten seines großen Idols, sondern auch von den Orten, an denen seine Bücher spielen.

Autor für eine Woche

Nachdem Zypkins Sohn mit seiner Frau ein Visum für die USA beantragte und ausreiste, wurde das Leben in der Sowjetunion schwer für Zypkin. Er wurde beruflich herabgestuft, seine Kollegen mieden ihn. Das Leben war mit vielen Einschränkungen verbunden. Weder eine Ausreise für ihn und seine Frau war möglich, um dem Sohn zu folgen, noch eine Veröffentlichung seiner Werke. Aber durch einen befreundeten Journalisten konnte ein Manuskript außer Landes geschmuggelt werden. Am 13. März 1982 erschien daraufhin in der „Nowaja Gaseta“, einer Zeitschrift für Exil-Russen in den USA, die erste Folge des Romans – eine Woche später starb Zypkin an einem Herzanfall.

In „Ein Sommer in Baden-Baden“ erzählt Leonid Zypkin die Geschichte seines Idols Dostojewskis aus der Perspektive eines zwar unbenannten Ich-Erzählers, der aber doch allerlei Parallelen zu Zypkin selbst aufweist. Dostojewski reiste 1867 mit seiner Frau Anna Grigorjewna nach Deutschland – der Ich-Erzähler tut es ihm nach und vermischt dabei seine eigenen Eindrücke der Landschaften und Menschen mit den Erlebnissen Dostojewskis. Dabei bleibt der russische Autor nicht nur unantastbares Idol. Vielmehr erfährt der Leser von Dostojewskis großer Spielsucht, den Problemen in seiner Ehe, dass er vor seinen Gläubigern flüchten muss usw. Ständig sind die Dostojewskis in Geldnöten und müssen sich auch noch die Vorurteilen der Deutschen gegenüber Russen gefallen lassen. Obwohl Anna Grigorjewna voller Hoffnung war, dass diese Reise für sie und ihren Mann eine Neustart bedeuten würde, muss sie schnell feststellen, dass die Dinge sich so schnell nicht ändern. Der Ich-Erzähler wiederum erfährt diese Gedanken aus ihrem Tagebuch, das er auf seiner eigenen nächtlichen Zugreise von Moskau nach Leningrad als Lektüre dabei hat.

Dünnes Buch mit gewaltiger Sprache

Es ist ein dünnes Büchlein. Doch die Geschichte und Sprache haben es in sich. Zypkins Schreibstil ist dicht verwoben. Zügig wechselt er die Perspektiven zwischen seinem fikitiven Erzähler / Alter ego und denen der Dostojewskis. Wer hier nicht aufpasst, ist schnell verloren. Denn auch die Sätze sind ein endloses Labyrinth, die keine große Orientierung bieten. Schier endlos schlängeln sie sich über die Seiten, kaum ein Satzzeichen. Gedanken wechseln sich mit Tagebuchszenen mit Dialogen des Ehepaares Dostojewski mit Landschaftsbeschreibungen und Assoziationen. Mich hat dieser Stil sehr an den von Jose Saramago erinnert in seiner Geschichte „Die Belagerung von Lissabon“, das nur wenige Jahre nach Zypkins Roman erschien (1989).

Neben dem großen Dostojewski setzt Zypkin sich aber auch mit der russischen Literatur im Ganzen auseinander. So spricht Zypkins Alter ego über “alle diese halbwüchsigen Mädchen, diese von Nabokov in seiner ‘Lolita’ offener gepriesenen ‘Nymphchen‘“, Puschikins Werk und auch die Feindschaft Dostojewskis mit seinem literarischen Rivalen Turgenjew. Überhaupt hatte ich bei der Lektüre gleich das Bedürfnis, meine Kenntnisse über die russischen Autoren weiter auszubauen. Klar, habe ich schon einige Klassiker gelesen und die Anspielungen in Zypkins Geschichte widererkannt. Aber vieles steht eben doch noch auf der Muss-ich-lesen-Liste.

Wenn man geduldig ist und sich die schier endlos erscheinenden Sätze Zypkins auf der Zunge ergehen lässt, dann ist „Ein Sommer in Bade-Baden“ ein wundervolles Leseereignis. Denn diese Dichte an Worten, Themen und Szenen hat eine unheimliche Intensität und einen Sog, der einen nicht loslässt. Eine – wenn auch kritische – Liebeserklärung an Dostojewski und die russische Literatur.

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