Fuminori Nakamura: Die Maske

Maske Nakamura Buchlingreport

Endlich ein neuer Roman von Fuminori Nakamura! Bereits 2015 hat Diogenes den ersten Roman des jungen, japanischen Autors auf Deutsch herausgebracht. Mit „Der Dieb“ ist Nakamura – der in seiner Heimat schon mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde – auch in Deutschland ein toller Einstand gelungen. Nicht umsonst wird er als „neuer Haruki Murakami“ gehandelt. Nakamura ist quasi der – wenn man das so sagen darf – „neue heiße Scheiß“ aus der japanischen Literaturszene.

Nun endlich ist dieses Frühjahr Nakamuras zweites Buch in den deutschen Buchhandel gekommen. Das hat in seiner Hauptrolle erneuteinen geplagten Einzelgänger, der uns Leser auf eine düstere Reise in die Upper Class und gleichzeitig mit an den Rand der japanischen Unterwelt mitnimmt!

Der traurige Held Fumihiro ist erst 11 Jahre alt, als sein Vater ihn zu einem ernsten Gespräch in sein Zimmer bittet. Der Vater ist das Oberhaupt der reichen und mächtigen Kuki-Familie, seine Geschwister alle in hohen Positionen tätig. Doch der Junge wurde isoliert aufgezogen, kennt seine Verwandten kaum, seine Mutter ist tot und der Vater steht ihm nicht nah. In besagten Gespräch eröffnet der Vater ihm nun, dass er dem Jungen ein besonderes Schicksal zu Teil werden lassen will: Er will ihn – ganz nach einer alten, japanischen Tradition – zu einem Geschwür erziehen, das Unheil und Böses über die Menschen bringen soll. Mit Vollendung seines 14. Lebensjahres werde der Vater ihm die Hölle zeigen und ihn ganz nach diesem Schicksal erziehen. Gleichzeitig verkündet er, dass er die ebenfalls 11jährige Kaori, ein Waisenmädchen, adoptieren wird und diese mit Fumihiro aufwachsen soll.

Was für ein Schock! Nicht nur der junge Fumihiro ist entsetzt, auch mir lief bei dieser Ansage ein kalter Schauer über den Rücken. Was kann einen Vater dazu bewegen, seinen Sohn zu einem Geschwür zu erziehen? Was ist das für eine grausige Tradition? Kann Fumihiro dieses Schicksal abwenden? Gibt es denn keine andere Möglichkeit für den Jungen? Und welche Rolle spielt das kleine Mädchen? Schon nach wenigen Seiten hatte Fuminori Nakamura mich mit dieser düsteren Verkündung um seine literarischen Finger gewickelt und mich tief in das düstere Netz dieser Erzählung hinab gezogen!

Fast schon manisch musste ich einfach weiterlesen, um herauszufinden, wie Fumihiros Schicksal sich weiterentwickelt. Wenige Seiten später lernen wir einen erwachsenen Fumihiro kennen. Einen, der sich von seiner Familie losgesagt hat, sein Schicksal selbst in die Hand genommen hat – und seinen Vater umgebracht hat, um seinen grausamen Plänen zu entkommen! So scheint es zunächst! Und dann fragt man sich: Hat der Vater wirklich „verloren“? Denn Fumihiro trauert immer noch seiner ersten großen Liebe Kaori nach. Hat keine Freunde. Lebt völlig einsam. Und geht sogar so weit, sich von einem spezialisierten Arzt das Gesicht eines anderes Menschen operieren zu lassen und dessen Identität anzunehmen.

Die Handlung springt dabei immer wieder zwischen den Erlebnissen des erwachsenen Fumihiros, der seine einstige Geliebte beschatten lässt, aber durch seine neue Identität auch in einen Mordfall verwickelt wird. Und zwischen den Erinnerungen an seine Kindheit, durch die zahlreiche Puzzelstückchen zusammengeführt werden. Dazu kommen noch die Machenschaften einer Sekte, die es auf die japanischen Politiker abgesehen hat, der mysteriöse Arzt, Machenschaften der Mafia und ein engagierter Polizist, der einen ungelösten Fall aus der Vergangenheit lösen will. Und das alles in nur wenige hundert Seiten verpackt!

Man merkt schnell: dieses Buch ist extrem! Beim Lesen schwankt man immer wieder zwischen Faszination vor dieser unheimlichen Geschichte und dem Abgeschrecktsein. Die Erzählung wechselt zwischen Detektivroman, Kriminalgeschichte, Familienepos und Großstadtroman. Sie ist vollgepackt und schwer beladen. Und liest sich dabei doch sprachlich ganz leicht weg. Der Zugang wird einem nicht durch schnörkelige Sätze schwer gemacht. Fast nüchtern und neutral wird da geschildert, wie dem Protagonisten halt einfach mal das Gesicht ausgetauscht wird. Und als Leser glaubt man es, weil es einfach so logisch klingt.

Vielmehr machen diesen düsteren Machenschaften einen fast süchtig! Man sitzt am Rande seines Stuhles, gebannt vor Nervenkitzel, was da als nächstes passiert. Was hinter der nächsten Ecke auf den Protagonisten lauert und was uns auf der nächsten Seite noch weiter in die Tiefe dieser düsteren Machenschaften zieht. Gleichzeitig leidet man natürlich unheimlich mit Fumihiro mit: Warum musste den Jungen dieses Schicksal ereilen? Hat sein Vater ihn durch den Mord doch zu einem Geschwür gemacht? War der Mord gerechtfertigt? Und kann man mit so einer Schuld überhaupt weiterleben?

Fuminori Nakamuras gescheiterte Figuren

Fuminori Nakamura scheint ein Faible für diese Art von Protagonist zu haben. Schon sein Dieb war von Kindesbeinen an zu einem Schicksal am Rande der Gesellschaft verdonnert, ein ewiges Leben des Scheiterns. Und auch Fumihiro hat keinen rechten Einfluss auf sein Leben. Genausp wie alle anderen Figuren, die sich um Fumihiro sammeln; sie sind in gewisserweise auch gescheiterte Persönlichkeiten: Drogen süchtig, einer Sekte verfallen, am Beruf gescheitert, Prostituierte, Pleite oder Alkoholiker. Es sind nicht die aufstrebenden Helden im Scheinwerferlicht, denen alles gelingt. Jeder scheint sein eigenes Päckchen zu tragen, das ihn in den Abwärtsstrudel zieht. Und wir als Leser dürfen an dem Leben dieser gescheiterten Persönlichkeiten teilhaben – mit einer Mischung aus Faszination, Ekel und einer ganz große Portion Neugier!

Für mich war Die Maske bisher eines der Highlights des Jahres und ich wünsche mir, dass wir nicht wieder drei Jahre aus den nächsten Nakamura warten müssen!

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