Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt

In meinem Urlaub vor kurzem hatte ich endlich mal wieder die Gelegenheit, ein paar dicke Schmöker von meinem Stapel ungelesener Bücher zu befreien. Dazu gehörte auch „Das Gleichgewicht der Welt“ von Rohinton Mistry, das immerhin 860 Seiten stark ist. Und im Nachhinein habe ich mich geärgert, warum ich den Roman nicht schon viel früher gelesen habe!

Der indische Autor nimmt uns in diesem Buch mit in sein Heimatland. Genauer gesagt, nach Bombay zur Zeit des Ausnahmezustands 1975. Hier bringt der Zufall vier sehr unterschiedliche Menschen zusammen: Dina Dalal ist eine gutbürgerliche Witwe mittleren Alters. Sie hatte ihre große Liebe geheiratet, die leider bei einem Unfall ums Leben kam. Nun versucht die Dina sich selbstständig Schneiderin zu machen, denn von ihrem Bruder, zu dem sie ein schlechtes Verhältnis hat, will sie kein Geld annehmen. Und heiraten auch auf keinen Fall wieder. Da ihre Augen mit den Jahren nachlassen und sie das Pensum nicht mehr schafft, will sie zwei Schneider einstellen.

So kommen Ishvar und sein Neffe Omprakash in Dinas Leben. Sie gehören zur Kaste der Unberührbaren und mussten aus ihrem Dorf fliehen, weil ihre Familie dort gejagt und umgebracht wurde. Der vierte im Bunde ist der Student Maneck. Er ist der Sohn einer Schulfreundin Dinas. Er soll am College Kühl- und Klimatechnik studieren, um das Cola-Business der Familie weiterzutreiben. Aber weil er im dreckigen Studentenwohnheim gemobbt und schikaniert wurde, haben seine Eltern ihm eine neue Unterkunft bei Dina besorgt.

Vier Einzelschicksale werden zur Familie

Alle vier haben zahlreiche Schicksalsschläge hinter sich, die ihre Spuren hinterlassen haben. Doch mit der Zeit können sie ihre Vorurteile abbauen, sich für die anderen öffnen und werden schließlich zu einer Art Ersatzfamilie. Aber immer, wenn man meint, es könnte einen Ausweg aus dem harten Leben für sie geben, spielt das Leben den vieren wieder einen Streich. Bis sie schließlich gezwungen sind, getrennte Wege zu gehen.

Rohinton Mistry schildert hier eine grausame, tragische und vor allem schonungslose Geschichte – und vor allem ein ungeschöntes Bild vom Leben in Indien. Das hier ist nicht das schillernde Bollywood von Shah Rukh Khan. Nein, dieses Indien besteht aus Slums mit Blechhütten, Bettlern, verfeindeten Religionen und leeren Versprechen von Politikern, die Gesetze zu ihren eigenen Vorteilen auslegen.

Rohinton Mistry schildert ein erschreckend reales Indienbild

Anhand der vier Protagonisten und zahlreichen Nebenfiguren zeichnet Mistry das korrupte und veraltete System des Staates nach. Er zeigt, wie die Reichen sich immer weiter bereichern. Aber auch, wie die mittellosen versuchen durch erfinderische Ideen zu Geld zu kommen. So lernt man verschiedenste Berufe kennen, von denen man nicht mal wusste, dass es sie gibt. Wie zum Beispiel den Erleichterer, dessen Job es ist, für andere herauszufinden, wie viel die Behörden oder Polizisten an Bestechungsgeld wollen. Oder auch den „Motivierer für Familienplanung“, der die Slumbewohner für eine Sterilisierung begeistern soll, um die Überbevölkerung Indiens zu verhindern.

Mit „Das Gleichgewicht der Welt“ schafft Rohinton Mistry dadurch ein ausgewogenes Gefüge aus erschreckenden Begebenheiten und skurrilen Episoden. Grausame, komische und bemitleidenswerte Figuren halten sich hier die Waage genauso wie Menschen, die gegen ihr Schicksal kämpfen und solche, die schon längst aufgegeben haben.

Mich hat Mistry total in seinen Bann gezogen. An zwei Tagen habe ich dieses Buch verschlungen. Denn es hat mich mit all seinem Witz, der Verzweiflung, aber auch mit den fesselnden Beschreibungen einfach nicht losgelassen. Das Schicksal der vier Protagonisten hat mich absolut berührt. Und mit jeder Seite hoffte ich immer mehr auf ein Happy End nach all den Schikanen und Problemen, die lauern. Das liegt nicht nur an Mistrys unaufgeregtem Schreibstil, sondern vor allem daran, dass er jeden seiner Charaktere, sei sein Part auch noch so klein für die Handlung, so detailliert zeichnet und ihm eine volle Persönlichkeit gibt.

Nach dem Lesen hat diese Geschichte noch lange nachgeklungen in mir. Selten hat mich ein Buch so emotional gepackt und ein Ende so sprachlos zurückgelassen.

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