James Baldwin: Ein anderes Land

Der dtv Verlag setzt seine Reihe der Neuauflage von James Baldwins Büchern fort. Ab sofort gibt es den dritten Roman „Ein anderes Land“ des amerikanischen Autors in neuem Gewand im Buchhandel eures Vertrauens. Baldwins Bücher habe ich mit der Neuauflage von „Von dieser Welt“ 2018 für mich entdeckt und bin absolut begeistert von dem beeindruckenden Stil, den Emotionen und der immer noch bahnbrechenden Aktualität die Baldwins Romanen innewohnt.

Für „Ein anderes Land“ reisen wir ins New York der 1950er Jahre. Wir werden hineingezogen in die Künstlerszene der Stadt. Die ist voller Musik, voller Sex, voller Drogen und Alkohol. Und voller Rassismus! Zunächst scheint die kleine Künstlerinsel auf der sich Rufus, ein begnadeter schwarzer Jazz-Schlagzeuger, befindet ganz harmonisch zu sein. Sein Inner Circle besteht aus Weißen und Schwarzen, Musikern, Malern, Schriftstellern, Schwulen, Heteros – ein buntes Potpourri an Menschen, das sich ach so gut zu verstehen scheint. Doch dann bringt Rufus sich um! Springt von einer Brücke. Keiner seiner Freunde hat es kommen sehen. Sie wirken erschüttert. Die Fassaden bröckeln. Denn ihre heile Welt, die sie sich aufgebaut haben, scheint gar nicht so heil zu sein.

                Die Welt ist schon bitter genug, wir müssen versuchen, besser zu sein als die Welt.

Im ersten Abschnitt dreht sich die Geschichte vor allem um Rufus und seinen Kampf zu überleben. Doch mit jedem neuen Kapitel erfährt der Leser mehr über die andere Charaktere der Gruppe. Und alle haben ihr Päckchen zu tragen: Vivaldo, der Möchtegern-Literat, der es einfach nicht schafft sein Buch zu schreiben, verliebt sich Hals über Kopf in Rufus‘ Schwester Ida. Ida wiederum sucht nach einem Grund für den Selbstmord ihres Bruders und nach einem eigenen Weg raus aus ihren Armen Verhältnissen. Deshalb fängt sie schließlich eine Affäre mit einem Musikproduzenten an. Cass und Richard sind verheiratet und haben zwei Kinder. Die Ehe scheint perfekt. Richard schafft es sein erstes Buch zu veröffentlichen, doch es scheint nur ein schnöder Krimi zu sein. Und während er sich auf die neue Karriereleiter konzentriert sucht seine Frau Nähe in den Armen von Schauspieler Eric, der eigentlich schwul ist.

Alle Figuren in Baldwins Roman kämpfen letztendlich ums Überleben. Sie kämpfen mit ihrer Sexualität, mit ihrem Status im Leben, mit Verlustängsten, um ihre Liebe. Hinzukommt, die Problematik der unterschiedlichen Klassen aus denen sie stammen. Und ganz klar bestimmt auch die Hautfarbe das Leben:

Baldwins Charaktere zwischen Liebe, Wut und Angst

Anderseits dreht sich der Roman auch einfach um die Suche nach der Liebe. Dabei müssen die Charaktere sich selber lieben lernen. Mit ihren Fehlern umgehen lernen. Ihre Verletzlichkeit eingestehen. Zu sich selbst stehen. Denn wenn man sich nicht selbst liebt, kann man auch niemand anderes lieben. Klingt einfach, ist jedoch nicht immer so leicht umsetzbar. Denn letztlich kann man an der Liebe auch zerbrechen.

In einem Artikel habe ich gelesen, dass Baldwin wohl 15 Jahre gebraucht hat, um diesen Roman zu vollenden. Er reiste dafür von Paris in die Türkei. War in einem schlechten Gesundheitszustand, depressiv und dachte, er hätte sein Schreibtalent verloren. Baldwin selbst stand wohl kurz vor dem Selbstmord. Und so spürt man in den Zeilen von „Ein anderes Land“ die Verzweiflung, Wut und Angst des Autors mitschwingen.

Dieser Roman ist keine seichte Kost. Er macht einen bedrückt. Er macht wütend. Er macht traurig. Er führt uns und den Figuren die Scheinheiligkeiten der Welt auf. Und führt uns vor Augen, dass unsere Gesellschaft an vielen Stellen noch nicht wirklich viel weiter gekommen ist, wenn es um die Gleichberechtigung der Menschen geht, egal welcher Hautfarbe, welchem Geschlecht und welcher sexuellen Orientierung wir angehören. Und deshalb treffen Baldwins Bücher auch Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung immer noch direkt ins Herz.

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