Elena Ferrante: Lästige Liebe

Buchlingreport Lästige Liebe Ferrante

Nach dem Hype um die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante bringt der Suhrkamp Verlag nun nach und nach noch weitere Bücher der italienischen Autorin auf den Markt. Das erste ist „Lästige Liebe“, Ferrantes Debüt Roman aus dem Jahr 1992, der zuvor vergriffen war. Als das Buch in Deutschland erstmals 1994 erschien, ging es im Literaturdschungel ziemlich unter und bekam nicht viel Aufmerksamkeit. Umso schöner, dass durch das #ferrantefieber so ein Werk eine neue Chance und endlich ein größeres Publikum bekommt. Mich hat es sehr gefreut, denn nicht nur die Neapolitanische Saga hatte es mir sehr angetan, sondern „Lästige Liebe“ ist auch einer der Romane in meinem „1001 Bücher, die man lesen sollte“-Buch, das mich schon auf viele wundervolle Romane gestoßen hat, die ich sonst vielleicht nie gelesen hätte.

Wieder führt uns Elena Ferrante nach Neapel: Dort trifft Delia aus Rom zur Beerdigung ihrer Mutter Amalia ein. Die Leiche der Mutter wurde im Meer gefunden. Ertrunken. Halb nackt. Eigentlich hätte sie auf dem Weg nach Rom zu Delia sein sollen. Aber dort traf sie niemals ein. Das letzte, was die Tochter von der Mutter hörte, waren drei merkwürdige Anrufe. In denen die Mutter gar nicht wie sie selbst wirkte. Was ist mit ihr passiert? War es ein Mord?

Delia macht sich in Neapel auf die Suche nach Zeichen in der Wohnung ihrer Mutter. Und findet dort einen Koffer mit teurer Unterwäsche. Trifft auf den gewalttätigen Vater, zu dem noch immer kein gutes Verhältnis besteht. Schnell wird klar, dass Delias Spurensuche auch eine Reise in die Vergangenheit ist. In eine Kindheit geprägt von Gewalt, Angst, dominanten Männern, unterdrückten Frauen, einem unterdrückten Kind und einem lange schlummernden Geheimnis. Und dieses drängt nach und nach an die Oberfläche, je länger Delia in Neapel bleibt.

Was zunächst wie ein Krimi anmutet mit nüchtern geschilderten Fakten über die tote Mutter und den Fund der Leiche, entwickelt sich schnell in eine komplexe und ambivalente Mutter-Tochter-Geschichte, die geprägt ist von Liebe, Hass, Neid, Mitgefühl und Eifersucht. Ähnlich wie die komplizierte Freundschaft zwischen Lenu und Lila in der Neapolitanischen Saga, ist auch hier die Beziehung zwischen den beiden Frauen unheimlich emotional aufgeladen, angespannt und oft kurz vorm Platzen. Auch die Kulisse ist in beiden Geschichten gleich. Das raue Neapel, ein dunkler Ort mit schaurigen Ecken und Kellerlöchern, ein Moloch mit hartem Dialekt, ein Sumpf in dem man versinkt, wenn man nicht rechtzeitig fliehen kann.

Ähnlich ergeht es auch dem Leser. Denn die nüchternen Fakten schlagen schnell um in eine beengende Erzählstimme, düstere Beschreibungen und surreal anmutende Ereignisse, bei denen wir Realität, Erinnerung und Fiktion nicht mehr zu unterscheiden wissen. Es scheint, als würde Delia sich langsam auflösen und zu ihrer Mutter zu werden.

Klar, ist Ferrantes Stil in ihrem Debüt Roman noch nicht so ausgeprägt, wie später in ihrer Neapolitanischen Saga. Aber beim Lesen von „Lästige Liebe“ bemerkt man schnell die vielen Parallelen. Vor allem die beklemmende Atmosphäre, die ihren Geschichten innewohnt, hat mich auch bei diesem Roman wieder sehr gepackt. Müsste ich wählen, würde ich die Tetralogie um Lila und Lenu bevorzugen, da diese einfach mehr Tiefe hat. Aber es ist auch schwer eine ganze Tetralogie mit einem Roman von knapp 200 Seiten zu vergleichen. Ich freue mich in jedem Fall über noch mehr Ferrante Romane zum Lesen.

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