Als mein Freund fragte, worum es in Der Dschungel geht, war meine spontane Antwort:„Gefühlt verhungern alle Figuren und leiden.“Und irgendwie hätte es vielleicht eine Triggerwarnung gebraucht für Vegetarier und sensible Gemüter.
Im Mittelpunkt steht die litauische Einwandererfamilie von Jurgis Rudkus, die voller Hoffnung um 1900 nach Chicago kommt. Sie erhoffen sich den Traum vom amerikanischen Glück. Doch statt Wohlstand erwarten sie Schulden, Ausbeutung und unvorstellbare Arbeitsbedingungen. Die Familie arbeitet hart, spart und versucht, sich ein Leben aufzubauen. Doch kaum scheint sich ein Problem zu lösen, wartet schon das nächste.
Berüchtigt ist Der Dschungel vor allem für seine Schilderungen der damaligen Fleischindustrie. Während man die Geschichte liest, hat man das Gefühl, selbst mitten in den Schlachthäusern zu stehen. Man riecht und spürt die Zustände fast am eigenen Leib, so intensiv beschreibt Upton Sinclaire die Szenerie.
Die grausamen Schilderungen der Fleischproduktion sorgten nach dem Bucherscheinen für einen öffentlichen Aufschrei. Es führte zu strengeren Lebensmittelkontrollen in den USA, aus denen später die heutigen Aufsichtsstrukturen rund um die Lebensmittelüberwachung hervorgingen.
Der eigentliche Horror sind die Lebensbedingungen der Menschen. Sinclair zeigt, wie Einwanderer ausgebeutet werden, wie sie dauerhaft in Armut gehalten werden und wie ein ganzes System davon profitiert. Egal wie sehr sich die Familie anstrengt, sie scheint nie eine echte Chance zu haben.
Besonders die erste Hälfte des Romans fand ich unglaublich stark. Selten habe ich eine Familie begleitet, bei der ich so sehr gehofft habe, dass endlich einmal etwas gut geht. Stattdessen wird die Lage immer trostloser. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man ständig denkt: Jetzt reicht es doch langsam mal. Aber nein, Upton Sinclair findet immer noch einen weiteren Weg, seinen Figuren das Leben schwer zu machen.
Später verlagert sich der Fokus und die politische Botschaft tritt stärker in den Vordergrund. Das fand ich nicht mehr ganz so packend wie die eigentliche Familiengeschichte. Trotzdem versteht man, warum Sinclair es in diesen Roman geschrieben hat.
