Lao She: Rikscha Kuli

Manchmal ist die Tragik eines Romans nicht in einem einzelnen Ereignis zu finden, sondern darin, wie unbeirrbar alles auf den Abgrund zusteuert. Genau mit diesem Gefühl habe ich Rikscha Kuli von Lao She gelesen.

Im Mittelpunkt steht Xiangzi, ein junger Mann vom Land, der im Peking der 1920er Jahre als Rikschafahrer arbeitet. Sein Traum ist denkbar bescheiden: Er möchte genug Geld sparen, um eine eigene Rikscha zu besitzen. Für Xiangzi bedeutet das Unabhängigkeit, Würde und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Er arbeitet hart, lebt sparsam und glaubt fest daran, dass Fleiß sich auszahlt.

Doch das Leben hat andere Pläne. Kaum hat er sein Ziel erreicht, wird ihm die Rikscha von Soldaten weggenommen. Immer wieder muss er von vorne anfangen. Als Leser fiebert man mit, weil sein Wunsch so nachvollziehbar und zugleich so schlicht ist. Er träumt nicht von Reichtum oder gesellschaftlichem Aufstieg. Er möchte einfach nur sein eigenes Arbeitsgerät besitzen.

Xiangzis Schicksal trifft einen beim Lesen – trotz des leicht distanzierten Erzählstils – sehr. Zu Beginn ist er ehrlich, stolz und voller Tatendrang. Nach jeder Enttäuschung verliert er ein weiteres Stück von sich selbst. Irgendwann beginnt er zu akzeptieren, dass Anstand und harte Arbeit in seiner Welt oft wenig zählen. Zu beobachten, wie sich ein Mensch langsam verändert und schließlich zu jemandem wird, der er einst verachtet hätte, ging mir wirklich nahe.

Dabei erzählt Lao She viel mehr als die Geschichte eines einzelnen Rikschafahrers. Durch Xiangzis Leben entsteht ein eindrucksvolles Bild des damaligen Pekings. Armut, soziale Ungleichheit und wirtschaftliche Unsicherheit bestimmen den Alltag. Immer wieder wird deutlich, wie wenig Kontrolle Menschen über ihr eigenes Schicksal haben, wenn sie ganz unten in der Gesellschaft stehen.

Interessant fand ich auch, wie modern manche Themen wirken. Der Roman beschäftigt sich mit der Frage, was Arbeit eigentlich bedeutet und ob Leistung wirklich zu einem besseren Leben führt. Xiangzi ist bereit, alles zu geben, und trotzdem scheitert er nicht an mangelndem Einsatz, sondern an den Umständen. Das macht die Geschichte erstaunlich zeitlos.

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