Higashino Mitternachtssonne Buchlingreport

Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino wird von der New York Times als der „japanische Stieg Larsson“ betitelt. Als ich diesen Vermerk auf dem Buchrücken las dachte ich mir: Das klingt aber spannend. Denn die Millenium-Reihe von Stieg Larsson hatte mir – auch wenn ich sie erst gelesen habe, als der Hype vorbei war – unheimlich gut gefallen und mich bei Lesen sehr gepackt. Bereits fünf Krimis wurden von Keigo Higashino bereits ins Deutsche übersetzt und bei Klett-Cotta herausgegeben. Außerdem wurde er schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und einige seiner Bücher auch schon verfilmt. Grund genug, sich diesen Autor doch einmal näher anzusehen!

In „Unter der Mitternachtssonne“ nimmt Higashino die Leser mit ins Japan der 1970er Jahre. Dort wird der Kommissar Junzo Sasagaki aus Osaka mit seinem Team zu einem Mordfall gerufen: Der Pfandleiher Kirihara wurde in einem entkernten Gebäude ermordet aufgefunden. Zu den ersten Verdächtigen zählen Kiriharas Frau, sein zwölfjähriger Sohn und sein Angestellter. Bei dem Versuch, die letzten Stunden des Pfandleihers zu rekonstruieren, treffen die Ermittler auch auf die verwitwete Kellnerin Fumiyo Nishimoto, die eine Kundin des Pfandleihers war. Kurz darauf wird Fumiyo aber ebenfalls tot aufgefunden – man geht von einem Unfall oder Suizid aus. Zurück bleibt Fumiyos zwölfjährige Tochter Yukiho, die von einer entfernten Verwandten adoptiert wird.

So lassen sich die ersten Seiten des Buches knapp zusammen fassen. Nach diesem ersten Mord und den mysteriösen Umständen um Fumiyos Tod gibt es einen Zeitsprung. Was folgt ist eine komplexe Story, die mit dem Tod des Pfandleihers auf dem ersten Blick nicht viel zu tun zu haben scheint. Von hieran, liest sich die Geschichte weniger wie ein Krimi oder Thriller, sondern eher wie ein Jugend- oder Coming-of-Age-Roman. Viele neue Figuren werden in die Handlung eingeführt, die zunächst noch in der Highschool, später an der Uni und dann im Jobleben der Figuren spielt – über eine Spanne von 20 Jahren. Einzige Verbindung zur Vorgeschichte: Die beiden Kinder Ryo Kirihara, der Sohn des Pfandleihers, und Yukiho Nishimoto – und um die herum zahlreiche Verbrechen und skurrile Vorfälle geschehen…

Keigo Higashino – Kein 0815-Thrillerautor

„Unter der Mitternachtssonne“ ist für mich definitiv alles andere als ein normaler Krimi oder Thriller. Zugegeben musste ich mich auch etwas dran gewöhnen, dass nach dem klassischen Mord-Ermittler-nimmt-Fährte-auf-Opening der Polizist einfach verschwindet. Lange habe ich mich gefragt, wo das ganze hinführen soll. Denn statt aus Sicht des Ermittlers oder der Täter wird hier die Handlung auch noch eher aus der Sicht der hinzukommenden Nebenfiguren geschildert, die mit Ryo und Yukiho in Kontakt treten. Neben einer Unzahl von Figuren, für die es zum Glück auf einem, dem Buch beiliegenden Lesezeichen ein Namensregister gibt, werden außerdem diverse Themen angeschnitten: Kreditkartenbetrug, der Start des Computerzeitalters, Prostitution, Geldwäsche sowie das Schul- und Universitätsleben in Japan sind nur einige Bereiche. Es wird also ein buntes Potpourri der japanischen Gesellschaft gezeichnet, sodass man sich – auch als Japan-unerfahrener Leser – ein gutes Bild des Landes machen kann.

Nachdem ich einige Seiten dafür gebraucht habe, um mich auf diesen ungewohnten Erzählstil einzustellen, hat mich die Geschichte dann doch aber sehr gefesselt. Sprachlich liest sich die Handlung nämlich ganz schnell weg, wenn man sich erst einmal mit der Erzählperspektive arrangiert und die verschiedenen Nebenfiguren einsortiert hat. Es sind unheimlich viele Dialoge, die das ganze flüssig weglesen lassen. Außerdem ist Keigo Higashinos Stil – wie so oft bei den Japanern – sehr schlicht, schnörkellos und rational. Meine anfängliche Verwirrung wich irgendwann der Neugierde, wie das ganze denn nun ausgehen wird. Wird der Täter noch geschnappt? Kommt der Kommissar noch mal zum Zug? Und welches Geheimnis umgibt Ryo und Yukiho? Das erfährt der geduldige Leser schließlich beim Showdown, wenn Keigo Higashino alle seine so sorgfältig ausgesuchten Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammenfügt! Wenn man sich nicht von dem Titel „Thriller“ zu stark beeinflussen lässt, erwartet einen mit „Unter der Mitternachtssonne“ also ein spannender Roman über Japan, seine Kultur und auch seine Unterwelten, der einen unheimlich gut unterhält.

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