„Das Rätsel der Sandbank“ von Erskine Childers gilt als einer der ersten Spionageromane überhaupt und soll Autoren wie Ian Fleming und John le Carré beeinflusst haben. Allein deshalb war ich neugierig. Die Inhaltsangabe klang vielversprechend: zwei Briten stoßen bei einem Segelausflug auf Hinweise, dass das Deutsche Reich etwas plant, das eine Bedrohung für Großbritannien darstellen könnte. Das klang für mich nach einem frühen Agententhriller mit politischer Spannung.
Im Mittelpunkt stehen Carruthers und Davies, die entlang der deutschen Küste segeln. Aus ersten Verdachtsmomenten entwickelt sich langsam eine Geschichte über maritime Spionage und geheime Aktivitäten. Das Problem: der eigentliche Plot verschwindet oft hinter ausführlichen Beschreibungen von Wetterbedingungen, Seekarten, Fahrrinnen und Segelmanövern verschwindet.
Man merkt auf jeder Seite, dass Erskine Childers selbst ein erfahrener Segler war. Die Frage ist nur, wie spannend ist das für uns Otto-Normal-Leser, diesem Wissen über mehrere hundert Seiten zu folgen. Wer sich für Segeln, Navigation oder Kartografie interessiert, wird hier vermutlich deutlich mehr Freude haben als ich. Stattdessen war ich kurz davor, ein Spiel draus zu machen, wie oft das Wort „Priel“ genannt wird. Wenn ich dafür jedes Mal einen Euro in eine Spardose getan hätte, könnte ich jetzt wahrscheinlich selbst eine Segeltour auf der Nordsee machen.
Dabei gibt es durchaus interessante Momente. Die Atmosphäre der Nordsee ist gut eingefangen und die politische Spannung zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich ist spürbar. Auch aus literaturgeschichtlicher Sicht ist das Buch interessant, weil man erkennen kann, wo viele spätere Spionageromane ihre Wurzeln haben. Trotzdem blieb für mich am Ende vor allem die Erkenntnis, dass ein Buch nicht automatisch spannend ist, nur weil es ein Genre begründet hat.
Wer Freude an Seekarten, Gezeiten und detaillierter Navigation hat, sollte sich dieses Buch unbedingt anschauen. Für alle anderen könnte der Plot am Ende das größte Rätsel dieser Geschichte sein.
