Annie John von Jamaica Kincaid erzählt vom Erwachsenwerden auf Antigua, einer kleinen Karibikinsel, und begleitet seine Protagonistin von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Annie wächst behütet auf und hat vor allem zu ihrer Mutter eine sehr enge Beziehung. Als Kind erscheint ihr diese Verbindung selbstverständlich. Doch je älter sie wird, desto mehr beginnt sie sich von ihrer Mutter zu lösen, und genau daraus entsteht der zentrale Konflikt des Romans.
Was zunächst wie eine klassische Coming of Age Geschichte wirkt, entwickelt sich schnell zu einer Erzählung über Identität, Selbstständigkeit und das schwierige Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern. Annie möchte ihren eigenen Weg finden, eigene Entscheidungen treffen und sich von den Erwartungen lösen, die andere an sie haben. Gleichzeitig schmerzt sie die zunehmende Distanz zu ihrer Mutter mehr, als sie sich eingestehen will.
Jamaica Kincaid erzählt diese Entwicklung sehr ruhig und beobachtend. Große Ereignisse gibt es kaum. Stattdessen sind es Blicke, Gespräche und kleine Momente, die zeigen, wie sich eine Beziehung verändert. Gerade dadurch wirkt vieles sehr nachvollziehbar. Man spürt, wie eng Liebe und Verletzung manchmal beieinanderliegen können.
Interessant fand ich auch, wie beiläufig der Roman vom kolonialen Erbe Antiguas erzählt. Schule, Gesellschaft und Alltagsleben sind noch immer stark von britischen Vorstellungen geprägt. Das steht nie im Vordergrund, ist aber ständig präsent und beeinflusst die Welt, in der Annie aufwächst.
Ich mochte die klare, unaufgeregte Sprache. Gleichzeitig blieb ich emotional etwas auf Abstand. Annie ist eine spannende Figur, aber ich habe nicht immer Zugang zu ihr gefunden. Trotzdem hatte der Roman etwas, das mich weiterlesen ließ. Vielleicht gerade deshalb, weil er so genau beschreibt, wie kompliziert es sein kann, sich von den Menschen zu lösen, die man am meisten liebt.
Für mich war es eine interessante Lektüre, auch wenn sie mich nicht vollständig begeistern konnte.
