Ein düsteres Stadttor im verfallenden Kyoto. Ein namenloser Diener steht vor der Entscheidung: Stehlen oder verhungern? In der titelgebenden Erzählung Rashomon bringt Akutagawa in nur wenigen Seiten eine ganze Welt zum Wanken. Eine Welt, in der Moral und Wahrheit keine festen Größen mehr sind, sondern sich mit der Not und der Zeit verbiegen.
Ich wusste vorher, dass Akutagawa als einer der großen Erneuerer der japanischen Literatur gilt. Und Rashomon, dieser kurze, präzise Text, zeigt, warum: Mit knapper Sprache und starken Bildern erschafft er eine Atmosphäre voller Zweifel, Schuld und innerer Zerrissenheit. Es geht nicht um große Gesten, sondern um kleine Entscheidungen. Die aber alles bedeuten.
Rashomon wurde 1950 auch verfilmt. Auch das zeigt, wie beeindrucken diese Geschichte ist. Sie umfasst nur acht Seiten in dem Band von Erzählungen. Dennoch bietet sie genug Stoff, Bilder und Atmosphäre, um einen 1,5 stündigen Film daraus zu machen. Und dieser zählt als Meilenstein der internationalen Filmgeschichte!
Aber auch die anderen Kurzgeschichte stehen Rashomon um nichts nach! In vielen steht die Frage im Mittelpunkt, ob es so etwas wie objektive Wahrheit überhaupt gibt. In Im Dickicht erzählen verschiedene Figuren ein und dasselbe Verbrechen – aber jede Version widerspricht der anderen. Wer sagt die Wahrheit? Wer lügt? Und warum? Akutagawa überlässt die Antwort dem Leser.
Mich haben diese Erzählungen sehr fasziniert. Sie sind kurz, aber eindringlich. Sie zeigen, wie leicht Gewissheiten zerfallen, wie komplex der Mensch ist – und wie oft das Richtige und das Falsche untrennbar ineinanderfließen.
Wenn man Lust auf literarische Dichte hat, auf Geschichten, die einen nicht an die Hand nehmen, sondern verstören, fordern, nachhallen. Dann ist Akutagawa genau der richtige Autor.



