Sinclair Lewis: Main Street

Sinclair Lewis Main Street Buchlingreport

Wie in seinem Roman Babbitt nimmt Sinclair Lewis – übrigens der erste amerikanische Autor, dem der Nobelpreis verliehen wurde – in seinem Buch Main Street die amerikanische Mittelschicht auf die Schippe. Sinclair Lewis erzählt die Geschichte von Carol Kennicott, die frisch nach der Schule und voller Ideale, Wünsche und Träume hofft, die Welt ein Stück besser machen zu können. Sie heiratet einen Landarzt und zieht mit ihm in den kleinen Ort Gopher Prairie, Minnesota. Schnell stellt die junge Frau fest, dass sie sich ein anderes Leben vorgestellt hatte. Die Leute in dem kleinen Örtchen sind spießig, kleinbürgerliche, engstirnig. Carol vermisst die Weltoffenheit großer Städte, es gibt keine kulturellen Einrichtungen, ja Bücher sind schon fast verpönt von den Bewohnern.

Also beschließt Carol, etwas zu ändern. Sie versucht die störrischen Stadtbewohner immer wieder dazu zu bewegen, etwas an ihrem Leben zu ändern. Sie versucht eine Theatergruppe zu arrangieren, gibt witzige Partys mit Spielen usw. Aber alle ihre Versuche werden von den sturen Einheimischen boykottiert. Selbst, wenn die Spiele auf der Party Spaß gemacht haben – wiederholt werden sie nicht. Ausflüge werden wieder gestrichen. Die Theatergruppe aufgelöst. Carol scheitert jedes Mal aufs neue.

Die junge Frau scheint einfach nicht gegen die Konformität der Massen anzukommen. Bloß nicht gegen den Strom schwimmen. Bloß nicht anders denken! Bloß nicht von den Vorurteilen abkommen. Zwar lästern die Stadtbewohner immer über die dummen Bauern, die um ihre Stadt herum das Land bewirtschaften. Aber ansonsten gehen sie ganz nach dem Motto: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Fast schon erschreckend ist das Desinteresse an Neuem, Anderem oder Fremden. Carol wird für ihr „Anderssein“ so oft angefeindet. Die skandinavischen und deutschen Einwanderer sind für die „Amerikaner“ nur fremdes Pack – und das obwohl Amerika doch quasi nur aus ehemaligen Einwanderern besteht. Auch fremde Kulturen sind ein No-Go! So kann der Buchclub mal eben die ganze englische Literatur in einem Meeting abdecken – mit Vorträgen die eigentlich nur aus den Geburts- und Sterbedaten der Autoren bestehen. Und der neue Schneider in der Stadt wird auch schnell zur Lachnummer aller, denn ein Mann könne doch nicht solch einen Frauenjob machen! Hier prallen Welten aufeinander! Weltoffenheit vs. Hinterwäldlertum. Liberalität vs. Konservatismus. Und Carol Kennikott mittendrin, die versucht die Mauer zwischen diesen beiden Spähren zu zerbrechen. Außerdem kämpft sie selbst stark dagegen an, nicht von dem „Kleinstadt-Virus“ angesteckt zu werden und sich den Normen und Verhaltensweisen ihrer Nachbarn anzupassen.

Zweifellos, so räumte Carol ein, neigen alle Kleinstädte in allen Ländern und zu allen Zeiten nicht nur zu Stumpfsinn, sondern auch zu Gehässigkeit, Hinterhältigkeit und zu der Seuche, die Nase in alles zu stecken.

Wer selbst mal in einer heutigen Version von Gopher Prairie gelebt hat, weiß, dass es diese Provinzerfahrungen heute noch gibt! Auch ich kann ein Lied davon singen! Als ich in meiner Studienzeit meine Heimat Berlin gegen schwäbische Landluft eintauschte und schnell merkte, dass die Menschen dort so ganz anders sind als in der Großstadt. Ich lebte nicht mal direkt in meiner Unistadt Tübingen, sondern in einem kleinen Dörfchen davor. Und da gab es sie noch: die klassische Kehrwoche, die neugierigen Nachbarn, die Fremde skeptisch anstarren usw. Ich kann die Einengung und Verzweiflung gegenüber dieses „Anderssein“ also sehr gut nachvollziehen! Und das Buch ist für mich dafür immer noch top-aktuell mit seiner Thematik.

Gerade fortschrittlich sind dagegen Carols Ansichten. Für einen Roman der 1920 erstmals erschienen ist, sind die Aussagen unheimlich modern, emanzipiert und feministisch. 1920 war tatsächlich das Jahr, als die Frauenbewegung in Amerika das Wahlrecht für die Frauen errang. Dass Sinclair Lewis dieses Thema bereits so breit in seinem Roman streut, hat mich dann aber doch sehr erstaunt:

Wir werden diese Arbeit eines Tages hinschmeißen und das Geschirr mit Maschinen spülen und aus unseren Küchen hervorkommen und mit euch Männern mitmischen in den Büros und Klubs und in der Politik, auf all den Gebieten, die ihr bislang so raffiniert euch allein vorbehalten habt

Ich habe Main Street – im Gegensatz zu Babbitt, mit dem ich nicht ganz so warm wurde – wirklich sehr gern gelesen. Vielleicht lag es daran, dass es dieses Mal eine Heldin war und nicht ein männlicher Protagonist, sodass ich mich eher damit identifizieren konnte. Manches mal waren mir die Handlungsstränge allerdings etwas weitschweifig. Auch wenn die Mannesse-Bücher ja im kleinen Format erscheinen, sind es doch knappe 950 Seiten Handlung, die sich manches Mal etwas gezogen haben. Anderseits konnte man sich so auch beim Lesen richtig schön von der Kleinstadt-Stimmung mürbe machen lassen 😉 Aber ich glaube, man hätte diesen Effekt auch mit einem kürzeren Leseerlebnis erzielen können. Die satirischen Schilderungen lassen einen aber sehr oft über die schrulligen Kleinstädter schmunzeln und man kann nur mit dem Steh-auf-Männchen-Carol mitfiebern, die sich immer wieder aufrappelt und gegen diese spießige Welt versucht anzukämpfen.

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