Philip Roth: Nemesis

In seinem düsteren Roman Nemesis schildert Philip Roth das Leben und Leiden von Eugene Cantor, genannt Bucky. Cantor lebt als Sportlehrer in einem jüdischen Viertel von Newark / New Jersey zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Seine besten Freunde wurde in die Armee eingezogen, doch Cantor wurde aufgrund seiner Sehschwäche ausgemustert. Nun muss er sich um die Schüler des Ortes kümmern, die in den Sommerferien daheim geblieben sind. Es ist ein heißer Sommer. Und das ruhige Viertel wird plötzlich von einer aufkommenden Epidemie heimgesucht. Denn immer mehr Kinder erkranken an Polio. Es gibt keine Heilung, keine Impfung. Die Stadt befindet sich im Ausnahmezustand. Wie sollen die Kinder und Erwachsenen sich schützen?

Bucky Cantor gerät selbst in das Visier. Die panischen Eltern werfen ihm vor, ihre Kinder nicht beschützt zu haben. Dabei versucht der verantwortungsvolle Lehrer alles, um die Kids vor der Ansteckung zu bewahren, leidet mit ihnen, will ihnen Hoffnung schenken. Kann er doch schon nicht mit seinen Freunden Amerika im Krieg verteidigen, so will er doch für diese Kinder kämpfen. Sie kämpfen gegen den Faschismus, er gegen Polio. Bis seine Freundin, die in einem entfernten Feriencamp den Sommer verbringt, ihm einen Job vor Ort anbietet. Weit weg von der Krankheit.

Soll Cantor den Job annehmen? Seine Schützlinge im Stich lassen? Kann er überhaupt etwas gegen die Krankheit unternehmen? Ist es alles nur falsches Ehrgefühl? Philipp Roth schildert in seinem kurzen Roman tiefe moralische Konflikte, in die sein Held sich verstrickt. Falsch verstandenes Ehrgefühl trifft hier auf Selbstanklage, Märtyrertum und Verbitterung vor dem Schicksal. Cantor gibt Gott die Schuld an der Epidemie und dem Schicksal, das sie für ihn und seine Schüler mit sich bringt. Es verändert den jungen, sportlichen, optimistischen Mann im Laufe der Handlung in einen sturen, verbitterten, gefallenen Helden, der Gott die Schuld an allem gibt.

Die Handlung schreitet trotz der wenigen Seiten zunächst nur langsam voran. Erst nach und nach ergeben die einzelnen Puzzelteile aus Cantors Schicksal ein großes Ganzes, das im letzten Kapitel durch einen Rückblick abgerundet wird. Es geht hier nicht um den Kampf gegen die Krankheit selbst und die Schilderung der Epidemie – auch wenn das in unserer Zeit der Impfgegner durchaus auch eine spannende Note wäre – sondern um den inneren Konflikt Cantors, der erst nach und nach zum tragen kommt.

Erzählt wird die Geschichte auch nicht aus der Sicht von Bucky Cantor, sondern von einem der Jungen, Arnie Mesnikoff, der ebenfalls an Polio erkrankte – und den seinen einstigen Sportlehrer im hohen Alter wiedertrifft. Erst im letzten Kapitel tritt Arnie wieder in die Geschichte und stellt sein Schicksal und den Umgang mit der Krankheit gegen das seines damaligen Mentors.

Dieses Ende ist auch das, was das Buch für mich erst richtig gut gemacht hat. Die Handlung davor wirkte etwa hölzern und flach. Cantor war etwas unnahbar und auch das Schicksal der erkrankten Kinder wurde immer nur kurz angerissen, den Szenen fehlte es an Details, Beschreibungen, Adjektiven, die eine gewisse Tiefe ausgemacht hätten. Erst als das Drama um Bucky wirklich vor annimmt, wurde auch die Geschichte intensiv und durch die Gegenüberstellung mit Arnies Leben. Hier endlich kommt Bucky auch einmal direkt zu Wort, nicht durch den Rückblick des Erzählers. Hier endlich spürt man seine Verzweiflung, seinen Hass, seine Emotionen. Und das hat es raus gerissen. Davor plätscherte es ziemlich vor sich hin. Es lohnt also, durchzuhalten und sich auf die Erzählung einzulassen. Und wirklich dick ist das Buch ja auch nicht, sodass man es schnell weg gelesen hat.

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