Paul Auster: Die New York-Triologie

Wow! – Ich weiß gar nicht, was ich anderes schreiben soll. Gerade habe ich die New York-Triologie von Paul Auster ausgelesen und bin immer noch total im Bann dieser drei Geschichten. Auster spielt dabei unheimlich mit den Erwartungen seiner Leser und führt uns regelrecht aufs Glatteis. Jede Geschichte scheint zunächst einzeln für sich zu stehen, ein kurzer Krimi. Es gibt Verfolgte, Detektive, scheinbare Täter – doch am Ende scheint jedes Mal nichts zu sein, wie es wirklich ist. Und dieses „Erlebnis“ haben nicht nur die Protagonisten, sonder auch die Leser mit ihnen. Dabei schreckt Auster auch nicht davor zurück, die Grenze zwischen dem Autor und seinen Geschichten einzuhalten. Stattdessen baut er gleich in der ersten Geschichte sich selbst, seine Frau und seinen Sohn als Figuren mit ein.

Stadt aus Glas
Der Schriftsteller Daniel Quinn, der unter einem Pseudonym Kriminalgeschichten veröffentlicht, erhält merkwürdige nächtliche Anrufe. Denn der Anrufer ist eigentlich auf der Suche nach dem Privatdetektiv Paul Auster, scheint sich aber immer zu verwählen oder eine falsche Nummer zu haben. Irgendwann gibt Quinn seiner Neugier nach und gibt sich als Auster aus. So wird er in die merkwürdige Geschichte von Peter Stillmann jr. hineingezogen. Der möchte Auster beauftragen seinen Vater, Peter Stillmann sr., zu observieren. Dieser hielt seinen Sohn jahrelang in einem dunklen Raum gefangen. Ein Experiment des Religionswissenschaftlers, um herauszufinden, ob der Sohn ohne jeglichen menschlichen Kontakt die Sprache Gottes erlernen würde. Quinn verfolgt Stillmann auf seinen scheinbar orientierungslosen Spaziergängen durch New York und scheint selbst so völlig den Halt in seinem Leben zu verlieren…
Schlagschatten
Der Privatdetektiv Brown erhält von Mr. White den Auftrag einen gewissen Mr. Black zu beobachten. White gibt keinen Grund an, worum es bei diesem Auftrag geht. Brown soll Black nur rund um die Uhr beschatten und beobachten, wöchentlich einen Bericht darüber schreiben und erhält dafür eine Wohnung gegenüber der von Black gestellt und regelmäßig Gehalt. Brown hatte nie einen langweiligeren Auftrag. Denn Black scheint den ganzen Tag nur im Zimmer zu sitzen, zu lesen oder zu schreiben. Warum also soll er diesen Mann beschatten? Was hat es damit auf sich? Und warum hört er nie ein Feedback von seinem Auftraggeber?
Hinter verschlossenen Türen

Der namenlose Ich-Erzähler von Austers dritter Novelle wird plötzlich von seiner Vergangenheit eingeholt. Plötzlich steht die Ehefrau seines Freundes aus Kindertagen, Fanshawe, vor seiner Tür und eröffnet ihm, dass ihr Mann spurlos verschwunden ist. Man vermutet, dass er tot ist und der Ich-Erzähler soll die gesammelten Schriften und Manuskripte von Fanshawe durchsehen und prüfen, ob sie es Wert sind veröffentlicht zu werden. Er nimmt sich dieser Aufgabe an, geht mit den Werken zu einem Verleger und schließlich werden die Schriften von Fanshawe ein großer Hit! Etwas noch nie dagewesenes. Gleichzeitig verliebt sich der Ich-Erzähler in Sophie, Fanshawes Noch-Ehefrau, und gerade als die beiden beginnen eine Beziehung aufzubauen, erhält er einen Brief von Fanshawe – der nicht tot ist, sondern sich nur versteckt hält. Fanshawe bittet ihn, Sophie zu heiraten, sich um seinen kleinen Sohn zu kümmern und ja nicht nach ihm zu suchen, denn sonst müsse Fanshawe ihn umbringen. So gerät der Ich-Erzähler in den Zwiespalt: Soll er Fanshawe suchen und herausfinden, warum er sich versteckt? Und was soll er Sophia sagen?

Die New York-Triologie war für mich ein unheimlich tolles Lesererlebnis. Mich haben diese drei Geschichten unheimlich gefesselt. Wie bei einem Krimi versucht man immer dahinter zu kommen, was hier eigentlich gerade los ist. Und man muss sich immer fragen: Was ist wirklich und was nicht? Gleichzeitig werden in der letzten Geschichte aus die Fäden zusammengezogen und Verbindungen zu den anderen beiden Erzählungen hergestellt.

Für Literaturliebhaber ist es außerdem spannend zu sehen, wie Auster andere Literaten und bekannte Bücher und Geschichten in seine Handlungen einbaut. So geht es in Stadt aus Glas viel um Cervantes Don Quijote, in Schlagschatten lesen Brown und Black das Buch Walden von Thoreau und in Hinter verschlossenen Türen ist bereits der Name Fanshawe in Anlehnung an Nathaniel Hawthornes Roman angelegt.

Auster spielt die ganze Zeit mit den Erwartungen der Leser. Man denkt, einen Krimi zu lesen. Und zunächst scheint auch alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Doch dann driften die Storys jeweils in eine andere Richtung ab. Es geht um das Schicksal, um den Zufall, um exzessive Leidenschaften und den Verlust des Ichs. Gleichzeitig wird mit dem Verhältnis Autor – Protagonist – Leser gespielt. Das fällt gleich zu Beginn von Stadt auf Glas auf, wenn Quinn, der Krimi-Autor, gefragt wird, ob er Paul Auster ist, und sich später auch noch als die Detektivfigur aus seinen eigenen Krimis ausgibt. So wie sich diese Grenzen für den Leser verschieben, verschieben sie sich aber auch für die Figuren, die sich selbst in ihrer Geschichte zu verlieren scheinen.

Falls ihr die Triologie von Auster noch nicht kennt, solltet ihr sie in jedem Fall auf eure Leseliste setzen! Mich hat sie total fasziniert! Und zum Abschluss gebe ich euch noch mein Lieblingszitat aus dem Buch mit: „Bücher müssen ebenso bedächtig und zurückhaltend gelesen werden, wie sie geschrieben wurden“
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