Murasaki Shikibu: Die Geschichte vom Prinzen Genji

Heute möchte ich euch ein ganz besonderes Buch vorstellen, dass ich vor kurzem lesenGeschichte vom Prinzen Genji Buchlingreport durfte. Ganz ohne Vorwissen hatte ich mich für seine Lektüre entschieden, nur um dann eine echte Perle der Literatur entdecken zu dürfen. Japanische Kultur, Prinzengeschichte aus alten Zeiten – klingt doch ganz spannend, waren meine ersten Gedanken. Und dann kam das Buch per Post zu mir nach hause, ich packte es aus – und war schon vom Anblick völlig verzaubert. Denn die wunderschöne Neuauflage aus dem Manesse Verlag kommt in einem Schmuckschuber daher und ist in lila Leinen mit Blumenmuster verziert! Und dann tauchte ich ab in eine exotische Welt, begab mich auf eine Reise durch die Zeit, bis in das japanische Reich von vor über 1000 Jahren.

Die Geschichte vom Prinzen Genji ( oder auch: Genji monotagari) gilt als erster Roman der Welt! Zwischen 1001 und 1006 von der Hofdame Murasaki Shikibu verfasst, beeindruckt das Werk nicht nur durch sein Alter und seine Handlung, sonder auch in seinem Umfang: Die deutsche Übersetzung des damals handschriftlich verfassten Manuskripts umfasst ganz 1.800 Seiten. Und das in einer Zeit, in der die meisten Schriftsteller ihre Geschichten und Legenden noch in Gedichten verfassten.

Auch die Geschichte hinter dem Buch gibt Forschern immer noch Rätsel auf. Manche glauben, dass Murasaki Shikibu nicht alle der 54 Kapitel geschrieben hat. Stattdessen wird vermutet, dass ihre Tochter ebenfalls an dem Roman mit schrieb. Andere glauben, dass ihr Vater den Rahmen für das monumentale Werk vorgab und sie es quasi nur noch mit Leben füllte. Fraglich ist auch, ob wirklich alle Teile des umfassendes Werkes überliefert sind oder ob noch weitere Kapitel existierten.

Statue von Murasaki Shikibu in Uji Quelle: geocities.jp

Statue von Murasaki Shikibu in Uji
Quelle: geocities.jp

Überhaupt ist nicht viel über die Autorin bekannt. Ja, Murasaki Shikibu ist nicht einmal ihr richtiger Name. Man nannte sie Shikibu, weil ihr Vater eine Zeit lang im Shikibu-Ministerium tätig war. Und damals war es so,dass Frauen nach der Stellung ihres Vaters oder Bruders genannt wurden. Murasaki stammt von einem Charakter aus ihrem Buch, mit der sie angeblich einiges gemeinsam hatte. Geboren wurde sie höchstwahrscheinlich im Jahr 978, galt schon in frühem Alter als sehr klug und kannte sich in japanischer Literatur und in buddhistischen Schriften gut aus und lebte einen großen Teil ihres Lebens bei Hofe. Für mich waren deshalb schon diese außerordentlich Fakten hinter dem Buch, die man aus der Einleitung von Oscar Benl erfährt, unheimlich spannend. Bereits da wusste ich, dass dies ein ganz besonderes Lesevergnügen werden würde.

Doch worum geht es nun eigentlich in diesem über 2000 Seiten starken Epos? Wie der Name schon sagt, beschreibt Shikibu das Leben des Prinzen Genji, der in der Haupt- und Residenzstadt Heian-kyo, das heutige Kyoto, aufwächst. Genji ist Sohn des Königs, aber seine Mutter ist dessen Konkubine und deshalb kann Genji, auch wenn er das Lieblingskind seines Vaters ist, nicht König werden. Früh muss Genji lernen, dass das Leben nicht nur schön sein kann. Denn seine Mutter ist sehr kränklich und stirbt zeitig. Doch sein Vater holt ihn, trotz vieler Hindernisse, an den Hof, ihm fehlt es an  nichts, er lebt am Hof, bildet sich in Dichtung, Kalligrafie und Musik.

Genji, der aufgrund seiner Schönheit von allen nur „Der Strahlende“ genannt wird, wächst heran und stürzt sich – da er ja keine weitere Verpflichtungen hat – von einem Liebesabenteuer ins nächste! Kaum eine Frau scheint vor ihm sicher zu sein. Doch seine zahlreichen Affären enden nicht alle glücklich und so muss Genji sich nicht nur mit Liebeskummer und Eifersucht rumplagen, sondern landet deshalb sogar für einige Jahre im Exil. Und das in einer Zeit, in der Frauen eigentlich nicht „sichtbar“ waren, sondern hinter Wandschirmen versteckt wurden und die Liebenden nur über auf wertvollen Papier in feinster Tusche geschriebenen Gedichte kommunizierten.

„In unbekannte,
hilflose Ferne geraten,
versank ich in Trauer,
suche nun aber Bäume auf
in dunstverhangenem Garten.“

Die gesamten Liebeleien Genjis hier zusammen zu fassen, würde zu weit führen. Überhaupt ist die Vielzahl an Namen und Charakteren so manches mal nicht so einfach zu durchschauen und zu merken. Da freut man sich jedes Mal über die großzügig angelegten Stammbäume im Nachwort des zweiten Bandes.

Aber grade diese Fülle an Personen und Charakteren macht das Genji monotagari auch zu so etwas besonderen. Dass vor 1000 Jahren, in einer Zeit in der eher Gedichte vorherrschten, bereits ein Roman geschrieben wurde, der so eine umfassende, tiefenpsychologische Handlung hat, ist wirklich beeindruckend. Aber auch für zahlreiche andere Dinge ist das Epos eine wichtige Quelle: So werden zum Beispiel diverse Feste beschrieben, Zeremonien, Kleidungsrituale, das Hofleben oder ähnliches. Außerdem zitiert und bezieht sich die Autorin auf andere Gedichte und Schriften, die damals gängig waren, heute aber vielleicht in Vergessenheit geraten wären. Und zum Glück für uns unwissende Leser werden diese mit zahlreichen erklärenden Fußnoten versehen!

Kapitel 37 - Yokuboe (Papierrolle Yokugawa-Kunstmuseum / Bildquelle Wikipedia)

Kapitel 37 – Yokuboe
(Papierrolle Yokugawa-Kunstmuseum / Bildquelle Wikipedia)

Ihr seht, ich bin absolut begeistert von Genjis Geschichte und könnte noch ewig weiter schwärmen. Auf jeden Fall möchte ich das Buch jedem ans Herz legen, der ein Faible für Japan und seine Kultur hat. Dann wird man von dieser tollen Geschichte wirklich vollkommen in den Bann gezogen.Sprachlich ist das fulminante Werk erstaunlich einfach zu lesen. Man darf sich nur noch von den vielen Seiten abschrecken lassen. Aber wenn man die Geschichte so liest, kann man sich – zumindest rein sprachlich – gar nicht vorstellen, dass sie wirklich so alt ist. Stattdessen aber hatte ich oft das Gefühl ganz tief in diese ferne Welt voll raschelnder Kimonos und duftender Räucherstäbchen abzutauchen. Wie unheimlich toll es wäre, das Original auf Japanisch zu lesen, kann man nur erahnen. Aber die zahlreichen Gedichte, die in den Text eingegliedert und  voller Wortspiele und Doppeldeutigkeiten sind, müssen im Urtext noch beeindruckender sein.

 

 Vielen Dank an den Manesse Verlag für das Rezensionsexemplar!
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