Laksmi Pamuntjak: Herbstkind

Herbstkind Pamuntjak Buchlingreport

2015 haben ich beim internationalen literaturfestival berlin das erste Mal von Laksmi Pamuntjak gehört. Alle Farben Rot lautete der Titel ihres Debütromans. Und der hat irgendwie so schön geklungen, dass ich mich einfach in die Lesung setzte. Und nach einer Stunden Lauschen war klar: Das Buch möchte ich unbedingt lesen. Darin erzählt Pamuntjak die tragische Liebesgeschichte zwischen Amba und Bhisma im Jahr 1965, als General Suharto sich in Indonesien an die Macht putscht.

Nun erschien im August 2018 bereits das zweite Buch von Laksmi Pamuntjak, das sie gestern ebenfalls auf dem lietarturfestival in berlin präsentierte. Dieses Mal unter dem Titel Herbstkind. Und dabei handelt es sich quasi um eine Fortsetzung der Geschichte. Hauptperson ist in diesem Roman Ambas Tochter Srikandi, genannt Siri. Diese erfährt erst mit ca. 50 Jahren, dass ihr leiblicher Vater in Wirklichkeit Bhisma war, und nicht der Deutschamerikaner Adalhart Eilers, den ihre Mutter geheiratet und der Siri großgezogen hat.

Hals über Kopf flieht Siri nach Berlin. Einer Stadt, der für beide Väter eine wichtige Rolle gespielt hat. Einer Stadt, die genauso gespalten und widersprüchlich ist, wie Siri selbst. Hier versucht Siri sich selbst zu finden, sich wieder zu sammeln und über ihren Vater nachzudenken. Sie, die als Malerin und Künstlerin arbeitet, versucht, ein Porträt ihres Vater zu zeichnen. Aber wie soll man jemanden Zeichnen, den man nie gesehen hat? Dessen einzige Erinnerung in einem alten Foto steckt? Was bedeutet diese „neue Vaterschaft“ für Siri? Für ihre Vergangenheit? Für ihre Zukunft? Gleichzeitig lernt Siri in Berlin zahlreiche neue Personen kennen, u.a. eine toughe Kunsthändlerin, die versuchen will, Siris Karriere zu pushen.

Wer wie ich „Alle Farben Rot“ verschlungen und geliebt hat, wird vielleicht nach dem oder beim Lesen von Herbstkind etwas irritiert sein. Denn Herbstkind liest sich irgendwie ganz anders, als der Vorgängerroman. Während „Alle Farben Rot“ eher etwas von einem historischen Roman mit stark politischen Teilen hat, ist dieser hier etwas ganz anderes. Herbstkind ist eine moderne Erzählung, spielt im Berlin 2016, ist uns deutschen Lesern natürlich auch nicht so fremd, wie das ferne Indonesien und sein hinduistisches Epos Mahabharata.

Zugegeben: Mich konnte die Story auch nicht so ganz packen, wie Pamuntjaks erster Roman. Das lag aber mehr daran, dass ich manchmal nicht recht wusste, wo diese Geschichte mich jetzt hinführen soll. Ist es der Konflikt zwischen Siri und ihrer Mutter? Ihre Künstlerkarriere? Ihre Beziehung zu ihrer Ziehtochter Amalia? Und dann wird in der Mitte des Romans auch noch die Perspektive gewechselt: Auf einmal steht Siris ehemals beste Freundin Dara im Mittelpunkt, die immer noch in Indonesien lebt und sich dort politisch engagiert. Ihr seht: Es werde eine Vielzahl von Themen angeschnitten, die man erst einmal sortieren muss.

Womit sich Laksmi Pamuntjak aber sehr in mein Herz geschrieben hat, ist, wie wundervoll sie den Kiez in Berlin-Charlottenburg beschrieben hat, in dem Siri lebt. Das ist nämlich genau mein Kiez, in dem ich mehr oder minder aufgewachsen bin, arbeite und immer noch wohne. Das fühlte sich ein beim Lesen ein bisschen an, wie sich daheim auf dem Sofa in eine Kuscheldecke einzuwickeln. Das gab bei mir also definitiv einige Pluspunkte.

Laksmi Pamuntjak Literaturfestival Buchlingreport

Laksmi Pamuntjak beim Literaturfestival

Ich hatte auch das Glück, kurz mit Laksmi Pamuntjak zu sprechen, als sie beim lietarturfestival meine Bücher signierte. Da sagte ich ihr, wie begeistert ich von „Alle Farben Rot“ war. Und sie antwortete, dass das neue Buch allerdings ganz anders sein. Ein Bruch. Etwas modernes. Ein neues Kapitel. Und ich muss ihr recht geben. Man muss wahrscheinlich mit dem nötigen Abstand die Geschichte lesen. Sie nicht zu sehr mit dem Vorgänger vergleichen, auch wenn man auch viel altbekanntes in der Geschichte findet.

Man muss sich hier auf die Brüche in der Geschichte einlassen. Es sind die Dinge die fehlen, die hier thematisiert werden: fehlende Väter, fehlende Zugehörigkeit, ein fehlendes Zuhause oder ein fehlen der festen Mutterrollen. Denn sowohl Siris eigene Mutter, um deren „Lebenslüge“ es ja geht, ist einen großen Teil der Geschichte abwesend, als auch Siri selbst – in der Rolle der Mutter für ihre Ziehtochter Amalia. Trotzdem hatte ich manchmal Mühe, mich auf die Geschichte von Siri zu konzentrieren. Denn diese Brüche machen es einem nicht immer leicht. Vielleicht müsste man das Buch einfach noch ein zweites Mal lesen und kann sich dann mehr in Siris Schicksal fallen lassen.

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