Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese

Hallo ihr Lieben,

im Vorfeld zu meinem Besuch von Kazuo Ishiguros Lesung beim internationalen

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro

literaturfestival berlin hatte ich bereits sein neues Buch Der begrabene Riese gelesen, damit ich auch weiß, worüber geredet wird 🙂 Vor Erscheinen wurde schon viel über den lange erwarteten neuen Roman von Ishiguro diskutiert. Denn dieser Roman ist wohl so ganz anders als die Romane, die Ishiguro zuvor veröffentlicht hatte. Ich muss zugeben, dass ich es noch nicht geschafft habe, ein anderes Buch von ihm zu lesen, will das aber dringend nachholen. Die öffentliche Diskussion hatte mich definitiv neugierig gemacht auf den Riesen. Warum geht es also?

Kazuo Ishiguro nimmt uns mit nach Britannien im 5. Jahrhundert. Das Land ist geplagt und ausgebeutet durch die Kämpfe zwischen den Briten und den Angelsachsen. In diesem Setting leben Axl und seine Frau Beatrice, ein älteres Ehepaar, in einem kleinen Dorf. Dort sind sie allerdings ziemlich Außenseiter, werden nicht richtig anerkannt und bekommen von der Dorfgemeinschaft nicht einmal eine Kerze ausgehändigt, um Nachts Licht in ihrer Kammer zu haben. Warum das so ist? Das weiß niemand so genau. Wie lange Beatrice und Axl da leben? Weiß man auch nicht. Und wie ihre persönliche Geschichte ist? Noch viel weniger. Denn irgendwie scheint über alle Menschen der Schleier des Vergessen zu hängen und Schuld daran ist der mysteriöse Nebel, der über dem ganzen Land wabert.

Die beiden Alten beschließen eines Tage los zu gehen und ihren Sohn, der in einem anderen Dorf leben soll, zu besuchen. Sie haben die Hoffnung, dass sie dort vielleicht mehr willkommen sind, als in ihrem eigenen Heim. Auf ihrem Weg stoßen sie jedoch auf einige Hindernisse und treffen auf interessante Persönlichkeiten, wie den alten Ritter Gawain, der noch von Königs Artus den Auftrag bekommen hat die Drachin Querig zu töten, deren Atem Quelle des Nebel des Vergessens ist. Den gleichen Auftrag hat aber auch der sächsische Krieger Wistan. Wird es den beiden gelingen, die Drachin niederzustrecken? Finden die beiden Alten zurück zu ihrem Sohn? Und was hat es mit dem Jungen Edwin auf sich, der von Wistan gerettet wird und angeblich von einem Drachen gebissen wurde?

Vor allem geht es bei dieser mittelalterlichen Aventüre aber um eine viel wichtigere Frage: Gibt es eine kollektive Erinnerung einer Nation? Und ist es vielleicht manchmal besser Vergangenes zu vergessen, hinter sich zu lassen und neu zu beginnen? Oder sollte man sich dieser Dinge immer bewusst sein? Ist Vergessen – egal ob gesellschaftlich oder persönlich – eine sinnvolle oder vielleicht sogar notwendige Option um für Frieden zu sorgen? Oder sollen diese Erinnerungen immer omnipresent sein, damit man aus ihnen lernt, sich ihrer bewusst ist und dementsprechende Maßnahmen ergreift? Und wenn man alles vergisst, wie lange geht das gut?

Warum Kazuo Ishiguro diese Idee in ein mittelalterliches Setting Gesetzt hat? Gute Frage! Die Welt vermutet kürzlich, dass Ishiguro „jetzt einen auf Game of Thrones macht“ (Den Artikel findet ihr hier: Klick). Das hat Kazuo Ishiguro bei seiner Lesung aber gleich abgestritten. Er kennt auch weder die Fernsehserie noch die Buchreihe von G.R.R. Martin. Er selbst berichtete auf dem internationalen literaturfestival, dass er die Geschichte in jedem Setting hätte schreiben können. Es gab sogar eine Vorversion des Romans, in einer noch archaischeren Sprache. Da hatte seine Frau – laut Ishiguro seine kritischste Leserin – aber ein Machtwort eingelegt und gesagt, dass dies so nicht gehen würde. Sie fand die Idee gut, aber die Sprache ganz schrecklich. Also musste der Autor noch einmal ran ans Papier und hat die Geschichte überarbeitet. Das Setting ist dabei gleich geblieben, nur die Sprache hat er für uns Leser etwas vereinfacht.

Ich fand die Idee hinter Kazuo Ishiguros Buch wirklich total spannend. Ich mochte auch das mittelalterliche Setting und die mystische Geschichte um den Drachen sehr gerne. Denn ein bisschen „Fantasy“ darf ab und zu bei mir schon mal sein. Allerdings muss ich zugeben, dass die Geschichte hier und da auch schon einige Längen hatte, die sich wirklich sehr gezogen haben. Besonders in den Gesprächen zwischen Axl und Beatrice, die sich ja an nichts erinnern können, hatte ich oft das Gefühl, dass sich alles Gesagte eh wieder nur im Kreis drehen würde. Mich hat es auch etwas gestört, dass Axl Beatrice wirklich ausnahmslos mit „Prinzessin“ angesprochen hat… aber das ist natürlich eine sehr subjektive Auffassung, und dieser „Schönheitsfehler“ fällt einem anderen Leser vielleicht gar nicht wirklich auf. Insgesamt fand ich das Buch schon gut, auch wenn ich nicht in Jubelstürme ausgebrochen bin nach der Lektüre. Aber ich will definitv noch mehr Romane von Kazuo Ishiguro lesen.

Vielen Dank an den Blessing Verlag für das Rezensionsexemplar!

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