Kazuo Ishiguro: Damals in Nagasaki

Ishiguro Damals in Nagasaki

Kazuo Ishiguros Debütroman, der bereits 1982 erschien, hat mich wirklich sehr berührt – und ich hab mich gleichzeitig geärgert, dass ich diesen wundervollen Autor so spät erst für mich entdeckt habe. 2015 habe ich Ishiguro auf dem Internationalen Literaturfestival gelauscht, also er über seinen neusten Roman Der begrabene Riese sprach. Das war bisher auch das einzige Buch, das ich von ihm kannte. Danach hatte ich oft gehört, dass Ishiguros vorherige Romane ganz anders seien. Jetzt endlich habe ich es geschafft, mir mit Damals in Nagasaki selbst ein Bild zu machen. Und ich kann nur zustimmen: Dieses Buch war ganz anders, wunderschön und traurig zugleich, scheint einfach geschrieben, ist aber unheimlich subtil und arbeitet viel mit Atmosphäre und Nuancen.

Das schmale Buch erzählt die Lebensgeschichte von Etsuko, die schon vor langer Zeit von Japan nach England ausgewandert ist. Aus Japan mitgebracht hat sie ihre Tochter Keiko, die aus ihrer ersten Ehe stammt. In England bekommt sie eine weitere Tochter, Nicki, von ihrem zweiten Ehemann. Das Buch setze ein, als Nicki ihre Mutter in ihrem Haus auf dem Land besucht. Etsukos zweiter Mann ist tot und auch Keiko ist zu der Zeit schon verstorben. Sie hat Selbstmord begangen. Und Nicki ist nicht zur Beerdigung erschienen. Nun sind beide Frauen alleine in dem großen Haus, schleichen um Keikos Zimmer, dass bei beiden ein mulmiges Gefühl heraufbeschwört.

Damals in Nagasaki

Neben dem Tod ihres Kindes wird Etsuko auch immer wieder von den Erinnerungen an ihre Vergangenheit in Japan heimgesucht. Der Abwurf der Atombombe war noch nicht lange her – die das ganze Leben in Japan verändern sollte. Etsuko lebt zu dieser Zeit mit ihrem ersten Mann zusammen und ist mit Keiko schwanger. Ihre eigene Familie hat sie verloren. Um sie herum versuchen die Menschen sich wieder ein Leben aufzubauen unter dem Einfluss der Amerikanisierung. Etsukos Mann kämpft um eine Beförderung auf der Arbeit und um die Rettung seiner Ehre, ihr Schwiegervater lebt nicht – wie sonst üblich – bei ihnen im Haushalt, sondern kommt nur zu Besuch, weil er sich mit den ganzen Neuerungen nicht abfinden kann. Außer ihrer Familie hat Etsuko nicht wirklich viele Kontakte. Bis eines Tages eine Frau, Sachiko, mit ihrer kleinen Tochter in die Hütte am Fluss einzieht…

Etsuko ist fasziniert von Sachiko. Besucht sie oft, macht Ausflüge mit ihr. Dabei scheinen die Frauen so unterschiedlich: Sachiko schert sich nicht um Konventionen, darüber, was die Leute von ihr denken. Ihre Tochter wirkt schlecht erzogen, rennt ständig Weg, hört nicht auf das, was die Mutter ihr sagt – und die kümmert sich eh sehr wenig um das Kind. Stattdessen will sie lieber mit ihrem amerikanischen Lover treffen, mit dem sie hofft auszuwandern. Wie sollen diese beiden zusammenpassen?

Puzzleteile zusammenfügen

Erst am Ende des Romans ergibt die ganze Geschichte einen Sinn. Davor muss der Leser vorsichtig alle Puzzleteile finden und behutsam zusammenfügen. Denn vieles passiert zwischen den Zeilen, muss erahnt werden und kann von Schnelllesern leicht übersehen werden. Es ist keine historische Geschichte um das Schicksal Japans, auch wenn das natürlich am Rand etwas mitspielt. Sondern es ist ein feinfühliger psychologischer Roman, der Tief in die Seelen der Figuren schaut – und dabei ziemlich beklemmend ist. Es geht um Zwiespalt, Zweifel, darum, was man hätte besser oder anders machen können in seinem Leben. Ob man Dinge hätte verhindern können. Und dabei ist der Erzählstil dennoch sehr japanisch angehaucht: Die wiederholenden Phrasen der Dialoge, die bloß nicht zu viel verraten sollen und immer nur an der Oberfläche bleiben, sind unheimlich typisch für japanische Literatur. Und als ich dann die letzte Seite gelesen hatte, lies der Roman mich ganz fassungslos zurück, sodass ich am liebsten noch einmal von vorne angefangen hätte zu lesen. Ich denke, dass diese Geschichte bei wiederholter Lektüre immer mehr Schichten freilegt und Geheimnisse preisgibt. Für mich wird es sicherlich nicht die letzte Lektüre gewesen sein.

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