Irène Némirovsky: Suite francaise

Némirovsky Suite francaise Buchlingreport

Zwei kleine Mädchen, die den 2. Weltkrieg versteckt in Klostern und Höhlen überleben. Die Eltern beide deportiert, die Kinder unter dem Schutz von Bekannten. Immer mit dabei: ein Koffer mit Schriftstücken und Briefen der Mutter. Erst 1996 stellte man fest, dass sich darunter das Manuskript zu einen unvollendeten Roman befindet: Suite francaise von Irène Némirovsky.

Was selbst wie ein Roman oder das Script zu einem Hollywood-Film klingt, ist die bewegende Geschichte der französisch schreibenden Autorin mit russischen Wurzeln. 1903 wird Némirovsky im russischen Teil der Ukraine geboren.Während der russischen Revolution flüchtet die Familie über mehre Stationen nach Frankreich, wo sie wieder zu Reichtum kommt. Némirovsky studiert Literaturwissenschaft und 1929 erscheint ihr erster Roman David Golder, der sie auf einen Schlag berühmt macht. Sie heiratet Michael Epstein und bekommt mit ihm zwei Kinder: Denise und Élisabeth – die später das Andenken ihrer Mutter durch die Kriegwirren retten werden. Denn beide Eltern haben jüdische Wurzeln, werden 1942 in Frankreich verhaftet und nach Ausschwitz deportiert. Irène Némirovsky stribt dort völlig erschöpft im Krankenhaus. Ihr Mann, der noch verzweiflt versucht bei den Behörden versucht ihre Freilassung zu erwirken, wird schließlich selbst verhaftet und in Auschwitz in einer Gaskammer ermordet.

Erst viele Jahre später wird ihr letzter, unvollendeter Roman – der vielleicht ihr größter hätte werden können – in den Schriftstücken aus besagtem Koffer entdeckt. Fünf Teile sollte das Werk, das nach dem Vorbild einer Suite entwickelt wurde, umfassen und 1000 Seiten stark sein. Doch soweit kam es nicht. Lediglich die ersten beiden Teile konnte Némirovsky fertigstellen. Stattdessen bestehen die letzten Seiten des Buches aus Tagebuch einträgen, in denen die Autorin ihre Gedanken über Handlung, Charaktere und die politische Situation in Frankreich freien lauf lässt. Ihre letzten Briefe sind enthalten, in denen sie die bevorstehende Deportation erahnt und auch Briefe ihres Mannes und von Freuden, die bei ihrer Rettung helfen wollen.

Doch schon die ersten beiden Kapitel von Suite francaise lassen erahnen, was für ein großes Werk dieses Buch geworden wäre. Némirovsky erzählt darin über den Einmarsch der Deutschen aus Sicht der besiegten Franzosen. Der erste Teil, „Sturm im Juni“, nimmt den Leser mit nach Paris im Jahr 1940. Die Deutschen stehen kurz davor, in Frankreich einzufallen und Paris zu besetzen. Die Bevölkerung in Panik, alle versuchen zusammenzuraffen, was ihnen wichtig erscheint und sich vor den anrückenden Feinden zu retten. Unter den aufgebrachten Menschenmassen kristalisieren sich schnell die Hauptpersonen heraus: die großbürgerliche Familie Péricand mit ihren fünf Kindern, deren Mutter noch nicht wirklich verstanden hat, was der Einmarsch für das Land und ihre Familie bedeutet und fleißig Kandiszucker verteilen lässt. Ihr Sohn Philippe, Priester, der einen Gruppe Waisenkinder in Sicherheit bringen soll. Der Schriftsteller Gabriel Corte, dem sein Erfolg zu Kopf gestiegen ist und deshalb nicht mit dem Pöbel flüchten will. Das ehrliche Ehepaar Maurice und Jeanne Michaud, die bei einer Bank arbeiten und sehnsüchtig auf Nachricht von ihrem in den Krieg gezogenen Sohn warten. Der Bankchef Corbin, der die Michauds stehenlässt und stattdessen seine Geliebte rettet. Sowie Charlie Langelet, gutbetuchter Junggeslle, der sich für etwas besseres hält und trotz der Besatzung auf seine bessere Stellung und seine Angestellten verzichten will. Dabei macht die Autorin ganz klar, welche Absichten die Charaktere haben und bei wem die Sympathien liegen. Denn in der Gerangel um die besten Plätze, treten bei vielen doch nur die egoistischsten und animalischen Verhaltenszüge zutage.

Die Panik löschte alles aus, was nicht Instinkt war, animalisches Erschauern des Fleisches. An sich nehmen, was einem das Kostbarste im Leben war! … Und in jener Nacht hatte allein das, was lebte, atmete, weinte, liebte, einen Wert!

Im zweiten Teil „Dolce“ konzentriert sich die Handlung auf ein kleines, von den Deutschen besetztes Dorf. Jeder Familie wird ein deutscher Soldat zugeteilt, der in deren Zuhause aufgenommen werden muss. Dabei beleuchtet Némirovsky die verschiedenen Haltungen der Dorfbewohner den Besetzern gegenüber: Reserviertheit, Feindschaft, Eifersucht aber auch zärtliche Annäherungen zwischen Franzosen und Deutschen werden geschildert. Es gibt die Deutschen, die sich daneben benehmen, die Eroberer, die Angeber, aber auch die Verständigen, die sich mit den Bewohnern anfreunden. Und die aufständischen Franzosen, die sich gegen die Besatzer wehren, die sich nicht unterdrücken lassen wollen oder aber auch solche, die sich in die eigentliche Feinde verlieben und den Menschen hinter der Uniform erkennen. Auch hier zeigt Némirovsky ganz klar wieder die Licht- und Schattenseiten der menschlichen Natur. Ganz deutlich formuliert sie dies auch in ihrem Tagebuch:

Es muß durch Gegensätze klar werden: ein Wort für das Elend, zehn für den Egoismus, die Feigheit, die Kumpanei, das Verbrechen.

 Und das schafft sie definitiv. Diese Geschichte ist erschütternd, geht ans Mark und trifft den Nerv. Man fühlt die bedrückende Stimmung, wird in die flüchtenden Menschenmassen förmlich hineingezogen. Fragt sich, wie würde man selbst wohl in solche einer Ausnahmesituation handeln? Gleichzeitig wabert die Frage mit: Welche Schuld das Individuum für die Taten der Massen übernehmen kann. Dabei wirkt der Schreibstil fast wie das Skript für einen Hollywood Blockbuster. Szenen, Schnitte, Switches zwischen den verschiedenen Handlungsorten und Charakteren – es fühlt sich fast so an, als ob man selbst in die Kulissen des besetzen Frankreichs hineingezogen wird, hat die Bilder deutlich vor Augen, so intensiv ist Némirovskys Schreibstil. Man kann wirklich von Glück sagen, dass diese beeindruckende Geschichte aus seinem Koffer-Gefängnis gerettet wurde!

Vielen Dank an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar!

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