Ferdinand von Schirach: Tabu

So! Und hier folgt gleich das nächste Leseexperiment für Oktober. Die Aufgabe, die Alex und Susi vom Readpack-Blog uns in diesem Monat gestellt haben, lautet: Lies ein Buch, das dir als erstes im Tausch gegen ein anderes angeboten wird. Lange habe ich überlegt, wie ich diese Aufgabe lösen soll. Denn – so geht es bestimmt auch vielen von euch – ich trenne mich ganz furchtbar ungern von meinen Buchschätzen. Aber dann viel mir ein, dass ich vor kurzem mit Susi selbst ein Buch getauscht hatte. Sie fand mein Buch, das ich zum April-Leseexperiment ausgewählt hatte, unheimlich spannend und wollte es gern lesen. Dafür hatte sie mir eins von ihren letzten Büchern  zum Tausch angeboten. Gesagt, getan. Buch eingetütet und losgeschickt. Und so komme ich jetzt auch endlich zum Lesen von Susis Buch!

„An einem hellen Frühlingstag des Jahres 1838 wurde in Paris auf dem Boulevard du Temple eine neue Wirklichkeit erschaffen.“

Von Schirach beschreibt in seinem zweiten Roman das Leben und Werk des Künstlers Sebastian von Eschburg. Dabei lässt sich die Handlung grob in zweite Teile gliedern. Teil Eins beschreibt die Jugend von Sebastian: Er stammt aus reichem Elternhaus, seine Eltern verhalten sich allerdings sehr distanziert und kühl ihm gegenüber. Die Mutter widmet sich lieber ihren Pferden, der Vater der Jagd und Sebastian wird in ein entferntes Internat gesteckt. Eines Tages – als Sebastian gerade in den Ferien daheim ist – wird er Zeuge davon, wie sein Vater sich selbst mit einer Schrotflinte in den Kopf schießt. Doch die Mutter versucht sich selbst, Sebastian und der Polizei einzureden, dass es ein Unfall war.Nach der Schule flüchtet Sebastian sich nach Berlin und dort in die Kunst. Er hat die eigensinnige Gabe, die Welt in anderen Farben zu sehen. Das hilft ihm dabei sich als Fotokünstler ein Standbein aufzubauen. Durch seinen Job lernt er Sofia kennen, mit der er nach Paris und Madrid reist, die Welt kennen lernt und scheinbar ein „normales“ Leben führen kann.

Im zweiten Teil der Geschichte wird dann jedoch ein ganz anderer Ton angeschlagen. Fast scheint die Story sich vom Bildungsroman in einen Krimi zu verwandeln. Der Leser bekommt nun den Rechtsanwalt Biegler an die Seite gestellt, der Sebastian verteidigen soll. Ihm wird vorgeworfen eine Frau umgebracht zu haben. Der einzige stichfeste Beweis: Sebastians Geständnis. Doch dies hat er nur unter Polizeifolter abgelegt….

Viel mehr will ich gar nicht erzählen, denn sonst wird von dem dünnen Büchlein viel zu viel Handlung vorweggenommen. Doch die beiden Erzählteile sind so unterschiedlich von einander, dass man sie einfach beide gegenüberstellen muss. Die knapp 250 Seiten Handlung sind dabei ganz einfach gehalten und auch schwuppdiwupp weggelesen. Doch so ganz „lese-befriedig“ haben sie mich nicht zurück gelassen. Was will von Schirach mir mit seinem Buch sagen? Geht es nur im die Diskussion der Polizeigewalt? Wann darf Gewalt gegenüber anderen gerechtfertigt sein? Oder muss man die Geschichte eher im Kontext zum Titel sehen? Was ist das Tabu das hier geschildert oder eventuell gebrochen wird? Wieder gibt es zahlreiche Möglichkeiten: Die Polizeigewalt, die Thematik des Selbstmordes, die sexuellen Szenen und Bilder, die beschrieben werden? Für mich persönlich stand beim Lesen eher die Diskrepanz zwischen Schein und Sein im Mittelpunkt. Was ist wirklich? Was gestellt? Und natürlich auch der Aspekt, dass die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt.

Trotz dieser Vielschichtigkeit in der Deutungsebene blieb mir die Story und allen voran die Charaktere doch ein bisschen zu flach. Sebastian selbst schien völlig ungreifbar zu sein in seinem Verhalten, die Mutter nur schlichte Rabenmutter, die nur Pferde im Sinn hat und sonst scheint, als ob sie nicht reden könnte. Und Rechtsanwalt Biegler wirkte wie eine schlechte Kopie vom grimmigen Ermittler, der ja in keinem guten Krimi fehlen darf.

Ohne das Leseexperiment hätte ich das Buch sicherlich nie in die Hand genommen. Und ich muss zugeben: Davor hatte ich auch nie wirklich etwas darüber gehört. Aber ich fand es schön, so mal wieder etwas ganz anderes zu lesen. Auch wenn mich die Story nicht wirklich überzeugt hat.
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