Edith Wharton – Dämmerschlaf

„Dämmerschlaf“ handelt hauptsächlich von den Sorgen einer reichen New Yorker Familie. Ihre Probleme sind typisch für die Epoche der 1920er Jahr und sollen ein Spiegelbild der gehobenen amerikanischen Gesellschaft sein.

Die Mutter, Mrs. Manford geschiedene Mrs. Wyant, ist von morgens bis abends mit sozialen Verpflichtungen beschäftigt. Sie ist Präsidentin oder im Vorstand zahlreiche Vereine und Gesellschaften, die sich teilweise in ihrer Sache sogar widersprechen. Dies scheint Pauline Manford nicht zu stören, sie hält gern Reden und genießt die Aufmerksamkeit andere Frauen. Außerdem hält sie es für enorm wichtig, Bälle und Dinners in ihrem Haus abzuhalten und die High Society um sich herum zu versammeln. Bei all dem organisatorischen Stress kommt die Familie natürlich zu kurz und ist nur ein lästiger Termin im Terminkalender. Entspannung holt sie sich bei den angesagtesten Gurus und Heilern, an die sie alle nacheinader glaubt. Für die ominösesten Behandlungen gibt sie massenhaft Geld aus. Obwohl es scheint, dass ihr Leben nicht ausgefüllter sein könnte, ist es gleichzeitig doch total oberflächlich. Mrs. Manford ignoriert alle Probleme eisern und lebt die Philosopie, dass man Probleme mit guter Laune überspielen kann und sie sich dadurch in Luft auflösen. Diese Taktik versucht sie bei ihrer Familie anzuwenden, deren zahlreiche Probleme sich aber auf Dauer nicht ignorieren lassen. Ihr Ex-Mann ist in einem jämmerlichen Zustand dem Alkohol verfallen, ihr jetztiger Mann ist überarbeitet und kurz vor einem Zusammenbruch. Ihr Sohn Jim Wyant hat Eheprobleme, da seine Frau sich am liebsten aus dem Staub machen würde, um als Schauspielerin Karriere zu machen. Ein zeitgenössiges Phänomen mit dem Aufkommen Hollywoods. Zu guter Letzt ist da noch die Tochter Nona Manford, die kaum 20 Jahre alt, bereits verbittert und unglücklich in einen verheirateten Mann verliebt ist. All diese Probleme können im New Yorker Alltag nicht gelöst werden und so macht sich vor allem Dexter Manford daran, sämtliche Familienmitglieder Urlaub zu verschaffen. Jim Wyant schickt er zusammen mit seinem leiblichen Vater Arthur Wyant auf eine Insel, damit sich erster von seiner Frau und letzterer vom Alkohol erholen kann. Jims Frau Lita soll zusammen mit Mr. und Mrs. Manford und der Tochter Nona zur Erholung aufs Land fahren. Ihre Schwiegereltern möchten sie dort unter Kontrolle haben und sie von den Scheidungsplänen abbringen.

Obwohl der Roman die Zeit in den 1920er schildert, ist es total verblüffend wie aktuell in die Probleme sich auch auf die heutige Zeit beziehen lassen. Die Geschichte könnte zum Großteil auch in der Gegenwart sich abspielen.

Beim Lesen haben mich immer wieder die Figuren irritiert, denn keine Figur hat so richtig durchgängig meine Sympathie gewonnen. Mrs. Manford versucht ihre Gefühlt unter einem riesigen Haufen oberflächlichen Aktionismus zu vergraben. Jim Wyant ist einfach nur blass und langweilig. Lita ist eine schöne Hülle, die einfach nur tanzen und beachtet werden will. Nona und Dexter haben mich am meisten beeindruckt, da sie sich um die Gefühle und Probleme andere Familienmitglieder wirklich kümmern. Nona tut mir etwas leid, weil sie sich zu viele Gedanken macht und nicht denn Mum hat, sich den Mann zu nehmen, den sie liebt. Schließlich bricht dieser aus Verzweiflung mit einer anderen Frau nach Europa aus. Sehr schade.

Der Höhepunkt der Geschichte spielt sich allerdings erst zum Schluss ab. Lange, lange ist man sich nicht sicher, was passieren wird und die Zeit scheint einfach nur vor sich hinzuplätschern. Nona wird nachts in Litas Zimmer angeschossen. Der Täter hatte es eigentlich auf Lita abgesehen, aber Nona erwischt. Ich weiß noch nicht ganz, wie ich die Szene deuten muss. Lita hätte wohl das eigentliche Opfer sein sollen und höchstwahrscheinlich hat der verwirrte Arthus Wyant geschossen. Es hätte aber auch Dexter sein können.

Gerade weil mich einige Figuren durch ihre Art beim Lesen immerwieder irritiert haben, habe ich das Buch gern gelesen. Die Geschichte war anders und ungewohnt und dadurch auch faszinierend. Sie zeigt einen Ausschnitt einer anderen Welt und Lebensweise, einer anderen Gesellschaft mit bestimmten moralischen Werte und Normen. Wer sich für sowas interessiert und auch gern darüber nachdenkt liest „Dämmerschlaf“ bestimmt gerne.
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