Christopher Isherwood: Leb wohl, Berlin

Christopher Isherwoods Roman Leb wohl, Berlin aus dem Jahr 1939 ist die literarische Vorlage des Musicals Cabaret. Oft wird das Buch gemeinsam mit dem zweitem Roman Mr Norris steigt um von Isherwood auch unter dem Titel Berlin Stories herausgegeben. Beide Bücher zeigen episodenhafte Erlebnisse aus Isherwoods eigenen Erfahrungen während seiner Jahre im Berlin der 1930ger Jahre wieder.Isherwood verbrachte einige Zeit als Englischlehrer in der deutschen Hauptstadt, erlebte das zügellose Berliner Nachtleben, den Aufstieg des Nationalsozialsmus‘ und dekadente Gesellschaften. Auch wenn sich der Autor laut des Vorworts deutlich von der literarischen Figur Isherwood getrennt sehen will, kann man sich doch gut vorstellen, dass vieles auf Tatsachenberichten, wahren Begebenheiten und authentischen Personen beruht.

Wenn ich dem „Ich“ in diesen Erzählungen auch meinen eigenen Namen gegeben habe, so berechtigt das die Leser doch nicht zu der Annahme, dass diese Seiten rein autobiografisch oder dass die Figuren ehrabschneidend exakte Porträts lebender Menschen seien. „Christopher Isherwood“ ist nicht mehr als eine zweckdienliche Bauchrednerpuppe.

Isherwood als stiller Beobachter

Diese Isherwood-Puppe fungiert überwiegend nur als Beobachter, durch dessen Augen wir die verschiedenen Bewohner Berlins und alle seine Schichten kennenlernen. Isherwood selbst bleibt recht blass und im Hintergrund. Es sind eher die anderen Figuren, die für sich selbst stehen und wirken sollen – und mit ihren Verrücktheiten, Macken und exzentrischen Arten den besonderen Reiz der Geschichten ausmachen. Allen voran natürlich die spätestens durch das Musical weltberühmt gewordene Sally Bowles – in der Verfilmung prominent mit Liza Minelli besetzt – die ihr kostspieliges Leben durch ihre vielen, gutbetuchten Verehrer finanziert und auf den Durchbruch als Schauspielerin wartet.

Daneben gibt es aber noch viele andere, wie zum Beispiel die verarmte Arbeiterfamilie Nowack, bei denen Isherwood für eine Zeit lang unterkommt, obwohl deren Wohnung eigentlich viel zu klein für einen Untermieter ist. Die Landauers hingegen, deren Tochter Isherwood Englisch beibringen soll, sind eine reiche, jüdische Familie mit einem eigenen Kaufhaus, deren Schicksal sich durch den Aufschwung der Nazi zu verändern droht. So zeichnet Isherwood einen vielseitigen Querschnitt durch die ganze Berliner Gesellschaft, von reich bis arm, von bieder bis freizügig, von Kommunisten und Nationalisten.

Nach wenigen Seiten hatte Isherwood mich mit seiner Geschichte gefesselt. Klar, bin ich als Berlinerin auch etwas voreingenommen und lese gerne einen Roman über meine Heimatstadt. Aber die fotographischen Momentaufnahmen aus dem damaligen Berlin beschwörten beim Lesen gleichfaszinierende Bilder in meinem Kopf hervor: von piekfeinen Damen, dekadenten Nachtclubs, in denen man gerne mitfeiern will. Isherwood selbst bleibt Beobachter, urteilt nicht über das Geschehen und die Figuren, sondern lässt den Leser seine eigenen Schlüsse ziehen. Sein Schreibstil ist dabei schlicht und unkompliziert. Ganz dem neutralen Beobachten geschuldet. Trotzdem merkt man, die Liebe zum Detail und den Figuren. Außerdem liest man durch die Zeilen, dass es eine Zeit des Umbruchs ist. Ist man als Leser nicht ganz so naiv wie Sally Bowles, merkt man schnell, das es hinter den Kulissen brodelt. Die politische Situation immer unsicherer wird. Wer schlau ist, packt schnell seine Koffer – so wie letztendlich auch der Autor. Denn das Berlin, wie es damals war, gab es leider nicht mehr lange in dieser Form. Schade, denn nach der Lektüre von Leb wohl, Berlin hat man gleich Lust mit der Zigarettenspitze in der einen und einem Cocktail in der anderen an einer verqualmten Bar zu sitzen und die Atmosphäre der 30iger Jahre beim Gesang von Sally Bowles zu genießen.

 

Vielen Dank an Hoffmann & Campe für das Rezensionsexemplar.

 

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