Chimamanda Ngozi Adichie: Die Hälfte der Sonne

Die Hälfte der Sonne Chimamanda Ngozi Adichie

Ein roter Streifen, einer in schwarz und einer in grün und davor eine halbe, aufgehende Sonne – das war die Flagge von Biafra, einem Land, das nur drei Jahre existierte. Genauer gesagt von 1967, als die Volksgruppe der Igbo (oder auch Ibo) ihre Unabhängigkeit von Nigeria erklärte, bis 1970 als Nigeria nach drei Jahren Krieg, Hungernöten und mindestens einer Millionen Toten das Gebiet wieder in seinen Staat eingliederte. Genau diese Zeit hat sich Chimamanda Ngozi Adichie als Setting für ihren Roman Die Hälfte der Sonne ausgesucht.

Ein Houseboy, eine Gelehrte und ein Engländer

Dabei schildert Chimamanda Ngozi Adichie die Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven: Zum einen aus der Sicht Ugwus, eines Dorfjungen, der das Glück hat eine Anstellung als Houseboy zu erhalten. Das Glück ist gleich doppelt groß, denn Ugwu kommt in das Haus vom Dozenten Odenigbo, ein linksgerichteter Intelektuellen, der dem ungebildeten Jungen lesen und schreiben beibringt und ihn sogar auf die Schule schickt. In Odenigbos findet zahlreiche Treffen mit anderen Dozenten, Professoren und Politikern statt, durch die Ugwu nach und nach mehr über Politik aufschnappt und verstehen lernt.

Kurz nach Ugwu zieht auch Olanna bei Odenigbo ein. Die junge, hübsche Frau aus gutem Haus hat zuvor in England studiert und kehrt nun nach Nigeria zurück. Gegen den Willen ihrer Familie, die Olanna gerne reich verheiraten würde, steht diese zu ihrer Liebe für Odenigbo. Und schnell wachsen die drei in dem Haus zu einer kleinen Familie zusammen.

Und dann ist da noch Richard, ein englischer Journalist und Schriftsteller, der gerne einen großen Afrika-Roman schreiben will und daher nach Nigeria gereist ist. Richard lernt auf einer Party Kainene, Olannas zynische und unnahbare Zwillingsschwester kennen und lieben. Sie vermittelt Richard auch den Kontakt zu Olanna und Odenigbo, damit die beiden den Engländer an die Hand nehmen und ihm mehr über ihr Land berichten.

Zunächst scheint für alle Protagonisten eine heile Welt zu bestehen. Alles scheint sich glücklich zusammenzufügen. Sie führen ein gutes Leben, Odenigbo hat ständig Freunde zu besuch, die bei einem guten Essen über Politik diskutieren. Die kleine Familie scheint in einer perfekten Idylle zu leben – bis es zur Abspaltung des kleinen Staates Biafra von Nigeria kommt, die einen dreijährigen, blutigen Krieg nach sich zieht. Und auch die Familieidylle bröckelt nach und nach, Ugwus Mutter ist krank, Olannas Schwiegermutter hasst sie und versucht sie zu vertreiben, Odenigbo hat eine Affäre und auch die Beziehung von Richard und Kainene wird auf die Probe gestellt.

Mikrokosmos von Nigerias Kultur

In dem kleinen Mikrokosmos ihrer Hauptfiguren spiegelt Chimamanda Ngozi Adichie die verschiedenen Welten Nigerias sichtbar: der einfache Dorfjunge Ugwu glaubt noch an Medizinmänner und Geister, während seine studierten „Mitbewohner“ dies als Quatsch abtun. Kainenes und Olannas gut betuchte Familie verkehrt in höchsten Kreisen von rückratlosen Politikern und mauschelnden Unternehmern – so lernen wir die andere Seite der Gesellschaft kennen, wobei Olanna versucht sich gegen diese Korruption zu wehren und Kainene lernt damit umzugehen und sie für sich zu benutzen. Und dann ist da noch Richard, der Weiße, der überhaupt nicht mit den ehemaligen weißen Besatzern zu vergleichen ist, versucht in diesem Land ein neues Leben aufzubauen, sich nur schwer in Nigeria einfinden kann und für den die Gründung Biafras auch den Start in ein neues Leben ist.

Es ist eine Geschichte voller Familienprobleme, Liebeswirren, kultureller Probleme und der Wunsch nach einem besseren Leben und der Hoffnung, das alles sich zum Guten wandelt. Unheimlich intensiv und einfühlsam schildert Chimamanda Ngozi Adichie die Schicksale ihrer einzelnen Figuren, mit denen man mitleider und auf bessere Zeiten wartet. Natürlich geht es um den Krieg, aber im Vordergrund stehen eher die Einzelschicksale der Menschen, die von den historischen Entwicklungen betroffen sind.

Mir sind dabei besondern Kaninene und Olanna ans Herz gewachsen, diese beiden unterschiedlichen Schwester, die jede auf ihrem eigenen Weg versucht, das beste aus ihrem Leben zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Ohne zu viel verraten zu wollen, wie die Geschichte um die Protagonisten ausgeht, möchte ich doch sagen, dass dieses Buch mich nach Beenden sehr traurig und berührt zurückgelassen hat.

Gleichzeitig habe ich beim Lesen auch unheimlich viel gelernt. Denn ich muss zugeben, das mir die tatsächliche Geschichte um das Entstehen und das Verschwinden des Staates Biafra vorher nicht wirklich etwas gesagt hat. Für die Autorin ist die Geschichte dagegen noch sehr gegenwärtig, da ihre gesamte Familie davon betroffen war. In einem Interview erzählt Chimamanda Ngozi Adichie ihre persönlichen Beweggründe für diesen Roman:

Ich habe diesen Roman geschrieben, weil ich über Liebe und Krieg schreiben wollte, weil ich im Schatten von Biafra aufgewachsen bin, weil ich meine beiden Großväter im Krieg zwischen Nigeria und Biafra verloren habe, weil ich mich mit meiner Geschichte befassen will, um die Gegenwart zu begreifen, weil viele der Gründe, die zu dem Krieg geführt haben, bis heute in Nigeria nicht gelöst sind, weil mein Vater Tränen in den Augen hat, wenn er davon spricht, wie er seinen Vater verloren hat, weil meine Mutter immer noch nicht präzise davon sprechen kann, wie sie ihren Vater in einem Flüchtlingscamp verloren hat, weil die grausamen Hinterlassenschaften des Kolonialismus mich wütend machen.

Für mich war Die Hälfte der Sonne ein wunderbar-einfühlsamer Roman, natürlich aufgrund der Kriegsthematik spannend und dramatisch und unheimlich berührend. Ich will jetzt auf jeden Fall noch mehr von Chimamanda Ngozi Adichie lesen!

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