Anne Tyler: Vinegar Girl (Die störrische Braut)

Vinegar Girl

Was haben Anne Tyler und William Shakespeare gemeinsam?

Anne Tyler hat mit „Vinegar Girl“ den Stoff des Shakespeare Stückes „The Taming of the Shrew“ in unsere heutige Zeit übertragen. Dies ist nicht zum ersten Mal geschehen. Bereits der Film „10 Dinge, die ich an dir hasse“ und das Muscial „Kiss me, Kate“ sind Adaptionen davon. Anlässlich des 400. Todestages des großen Meisters wurde das Shakespeare Projekt (Englische Original hier) ins Leben gerufen: Sechs ausgewählte Bestseller-Autoren sollen sechs der besten Werke neu erzählen. Werft mal einen Blick auf das Projekt und findet heraus, welche dazugehören. Es lohnt sich.

Und was macht nun Anne Tyler aus der „Widerspenstigen Zähmung“?

Ihre sauertöpfische Kate Battista ist vom College geflogen, weil sie den Professoren vorlaut widersprochen hat. Aus Mangel an Eigeninitiative und Antriebslosigkeit zieht sie zurück zu ihrem Vater, schmeißt ihm den Haushalt und mimt die Ersatzmutti für die pubertäre, jüngere Schwester. Der Vater ist mit seinem Forschungsprojekt vollauf beschäftig und verbringt die meiste Zeit in seinem Labor, sogar die Wochenenden. Über die Zukunft seiner Tochter denkt er kaum nach. So und nun bringt Tyler einen Aspekt in das Thema „wie bringt man Kate an den Mann“, der nur in der Neuzeit funktioniert. Das Visum des russischen Laborassistenten Pytr droht auszulaufen. Da der Vater aber auf die Mitarbeit dieses Wissenschaftlers nicht verzichten kann und sich um den Erfolg seiner Arbeit sorgt, bittet er Kate, Pyotr zu heiraten. Ganz klar, sie soll ihm so zu einer Aufenthaltsgenehmigung verhelfen.

Kate, die Pyotr noch nie gesehen hat, ist entrüstet – zu recht. Es ist ziemlich unverschämt, was ein Vater hier von seiner eigenen Tochter verlangt. Kate ist deshalb ziemlich kratzbürstig zu Pyotr und will ihn abweisen. Aber er und Kates Vater lassen nicht locker. Sie müssen wirklich verzweifelt sein und dies als einzig möglichen Ausweg sehen. Kate bekommt Mitleid und willigt schließlich ein. Denn, was hat sie schon zu verlieren? Ihren Job als Assistentin einer Grundschullehrerin kann sie nicht leiden und sie will auch nicht als alte Jungfer, die sich nur um ihren noch älteren Vater kümmert, enden. Sie sieht es als Chance herauszukommen und nutzt sie. Das zeigt, dass Kate eigentlich eine sehr mutige Frau ist.

Und weil Shakespeares Stück als romantische Komöde konzipiert ist, darf auch bei Anne Tyler die Romantik nicht fehlen. Deshalb endet das Buch damit, dass sich Kate und Pyotr verlieben und damit auch die Kömodie der Scheinehe nicht weiterspielen müssen.

Wenn man es mit dem Urwerk vergleicht (z.B. hier) findet man heraus, dass Tyler viele Motive und Szenen gut übertragen hat. Das Buch ist modern, doch die Bezüge zu Shakespeare sind klar erkennbar. Zum Beispiel die Ehe, die als wirtschaftlicher Deal Geld einbringen soll. Damals wurden die Töchter an den reichsten Verehrer „verkauft“. Heute versucht Kates Vater seinen beruflichen Erfolg (wovon das Finanzielle abhängt) durch die Verheiratung seiner Tochter abzusichern.

„Vinegar Girl“ ist mit oder ohne Shakespeare-Kenntnisse unterhaltsam zu lesen. Die widerspenstige Kate bringt einen in vielen Situationen zum Schmunzeln. Die fehlenden Emotionen zu Beginn der Geschichte sprudeln am Ende aus den Charakteren heraus. Es ist schön zu beobachten, wie sie sich nach und nach öffnen und aufblühen.

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