Salman Rushdie: Quichotte

Rushdie Quichotte

Quichotte oder auch key shot! Wo soll ich hier nur anfangen? So ein riesiges Werk. Von Cervantes Don Quijote hat wahrscheinlich jeder schonmal gehört, oder? Dem verrückt gewordenen Ritter, der gegen Windmühlen kämpft. Salman Rushdie erschafft nun mit der Figur Ismael Smile einen neuen Quichotte im heutigen Amerika. Seine Quest ist die Eroberung der schönen TV-Moderatorin Salma R.

Die Realität durch das Auge der Medien

Smile lebt in der Realität der Fernsehshows. Ein Motelzimmer und das Fernsehprogramm sind seine Wirklichkeit. Allein diese Tatsache kann schon als Kritik Rushdies an den amerikanischen Medien und ihrer verzerrenden Darstellung bzw. den Fake News betrachtet werden. Smile ist ein ruhelos Reisender, anfangs Vertreter für das Pharmaunternehmen seines Cousins, der illegal mit gefählichen Opioiden handelt. Dann reist er quer durch Amerika, um sich auf die Begegnung mit Salma R. vorzubereiten. Denn er muss erst die sieben Täler durchwandern, metaphorisch, um für seine Geliebte würdig zu sein. Unter anderem schlagen ihm bei diesem Vorhaben starke rassistische Anfeindungen entgegen. Aber auch die Aussprache mit seiner Schwester ist Teil der Quest.

An Quichottes Seite steht natürlich Sancho. Smile beschwört ihn herauf als den Sohn, den er nie hatte. Anfangs kann nur er ihn sehen, doch weil er ihn sich so sehr wünscht, wird Sancho real. Das hat allerdings auch zu Folge, dass er ein eigenständig denkendes Individuum wird und nicht immer mit seinem Vater übereinstimmt.

Rushdie erschafft zwei Romanebenen

Der Vater-Sohn-Konflikt und die Versöhnung mit der eigenen Schwester ziehen sich als Parallelen auch durch die Geschichte des Erzählers hindurch. Denn der Erzähler ist hier nicht nur eine Stimme, sondern eine eigene Figur innerhalb des Romans, dessen Lebengeschichte ebenfalls dargestellt wird. Der Autor, genannt Brother, und Ismael Smile haben beide indische Wurzeln, ebenso wie die TV-Moderatorin Salma. Erinnerungen an ein anderes Leben, eine Kindheit in einer völlig anderen Kultur durchziehen daher die gesamten Erzählstränge immer wieder. Als Autor überträgt Brother bewusst einige autobiographische Elemente auf Quichotte und so muss man beim Lesen ein wenig aufpassen, dass man mit den Figuren nicht ganz durcheinanderkommt. Aber gerade diese zwei Ebenen machen das ganze Buch extrem spannend und außergewöhnlich.

Eines meiner Lieblingszitate ist das folgende:

Geheimnisse waren die vollkommene Entsprechung zum menschlichen Leben und auch zum menschlichen Tod. Menschen waren ein Geheimnis für andere und für sich selbst. Eine zufällige Begebenheit rüttelte sie aus dem Schlaf, und sie begannen auf eine Weise zu handeln, zu der sie sich nie fähig geglaubt hatten. (S. 334)

Salman Rushdie: “Quichotte”

Es beschreibt ganz gut den Kern der Erzählungen, die Figuren geben ungeahntes Preis, entdecken sich teilweise selbst neu und gehen sonderbare Wege. Mit seinen 459 Seiten ist “Quichotte” keine leichte Lektüre, es ist schon ein Stück Arbeit. Aber es macht riesigen Spaß und ist total spannend. Am Ende hat es mich sehr verblüfft wie die beiden Ebenen miteinander verknüpft und aufgelöst werden. Das ist einfach nur genial von Rushdie.