Reise ans Ende der Nacht war für mich ein Buch, das ganz anders war als erwartet. Die Beschreibungen im Vorfeld versprechen oft ein düsteres, schonungsloses Werk voll Gewalt und Nihilismus. Beim Lesen hat sich das für mich nur teilweise eingelöst. Vieles wirkte überraschend zahm, anderes bemüht provokant, fast so, als wollte der Text Grenzen überschreiten, ohne wirklich etwas dahinter zu haben.
Der Roman folgt Ferdinand Bardamu, der durch sein Leben driftet. Er zieht begeistert in den Ersten Weltkrieg und erlebt dort schnell, wie absurd und sinnlos alles ist. Diese Passagen fand ich stark, weil sie den Krieg ohne Pathos zeigen und deutlich machen, wie wenig Heldentum dahintersteht. Anschließend verschlägt es ihn in eine französische Kolonie in Afrika, wo er auf Ausbeutung, Krankheit und Gleichgültigkeit trifft. Später geht er in die USA und arbeitet u.a. in einer Fabrik. Schließlich kehrt er wieder nach Frankreich zurück und ist als Arzt tätig. Jede dieser Stationen zeigt eine andere Form von Ernüchterung, sei es im Kolonialsystem, im Kapitalismus oder im ganz normalen Alltag.
Gerade nach dem Kriegsteil hat mich das Buch zunehmend verloren. Diese Abschnitte hatten für mich weniger Kraft, wirkten langgezogen und haben mich emotional nicht mehr so erreicht. Der Roman reiht Erfahrungen aneinander, ohne dass sich ein Ganzes ergeben hat. Bardamu bleibt eine distanzierte Figur, die beobachtet, kommentiert und sich entzieht.
Was das Lesen zusätzlich beeinflusst hat, ist das Wissen um Céline selbst. Seine politische Haltung, seine Nähe zum Nationalsozialismus und seine späteren antisemitischen Positionen lassen sich nicht einfach ausblenden. Für mich hat das den Blick auf den Text verändert. Man liest anders und achtet stärker darauf, was zwischen den Zeilen mitschwingt.
Reise ans Ende der Nacht ist sicherlich ein wichtiges Buch der Literaturgeschichte, und ich verstehe, warum gerade der Anfang so hoch geschätzt wird. Für mich blieb es insgesamt aber ein eher uneinheitliches Leseerlebnis.
