Liebeshandlungen erzählt nicht davon, wie Liebe gelingen kann, sondern davon, wie sehr wir uns an sie klammern, sie überhöhen und dabei oft übersehen, was tatsächlich vor uns liegt.
Im Mittelpunkt steht Madeleine Hanna, Studentin der Literaturwissenschaften in den frühen Achtzigerjahren. Sie ist geprägt von großen Romanen, von klaren Gefühlen und von der Idee, dass Liebe etwas sein muss, das Form annimmt, Sinn ergibt und trägt. Diese Vorstellungen geraten ins Wanken, als sie sich auf Leonard einlässt. Leonard ist brillant, witzig, magnetisch und zugleich schwer krank. Seine bipolare Störung ist kein Hintergrundrauschen, sondern bestimmt den Rhythmus ihrer Beziehung. Eugenides beschreibt diesen Zustand mit einer Nüchternheit, die weh tut. Die Euphorie, der Absturz, die Hoffnung, dass Liebe vielleicht doch ausreichen könnte. Nichts davon wird beschönigt. Gerade deshalb ist es so beklemmend.
Parallel dazu steht Mitchell, der Beobachter. Er sucht weniger nach einer Beziehung als nach Bedeutung. Religion, Philosophie, Sinnfragen treiben ihn um. Er liebt Madeleine, aber auf eine stille, oft passive Weise. Auch das ist eine Form von Selbsttäuschung, die Eugenides sehr präzise seziert. Niemand in diesem Roman liebt „richtig“. Alle lieben so gut sie können, mit den Mitteln, Ängsten und Wunschbildern, die ihnen zur Verfügung stehen.
Was Liebeshandlungen für mich besonders macht, ist diese ständige Reibung zwischen Theorie und Leben. Die Figuren sprechen über Romane, über Dekonstruktion, über das Ende der großen Liebeserzählungen. Gleichzeitig verstricken sie sich selbst in genau diese Geschichten. Eugenides zeigt, wie wenig uns intellektuelles Wissen schützt, wenn es um Gefühle geht. Man kann sehr viel über Liebe gelesen haben und trotzdem völlig hilflos sein, wenn sie konkret wird.
Der Roman nimmt sich viel Raum. Manchmal wirkt er ausufernd, fast zu genau in seiner Beobachtung. Aber genau darin liegt auch seine Ehrlichkeit. Das Leben ist selten pointiert. Beziehungen verlaufen selten sauber. Vieles bleibt unfertig, widersprüchlich, unerquicklich.
Am Ende bleibt kein Trost, keine einfache Erkenntnis. Aber etwas anderes. Ein sehr klares Gefühl dafür, wie gefährlich es sein kann, Liebe als Erlösung zu begreifen. Und wie notwendig es ist, sich selbst ernst zu nehmen, bevor man versucht, in einem anderen Menschen Halt zu finden. Liebeshandlungen ist kein Buch, das einem sagt, was Liebe ist. Es zeigt, was passiert, wenn man zu viel von ihr erwartet.
