J.M. Coetzee: Der Pole

In seinem neusten Roman „Der Pole“ legt Nobelpreisträger J.M. Coetzee eine knackige Liebesgeschichte vor, die von Missverständnissen, Musik und Literatur geprägt ist.

Beatriz ist eine spanische mitvierziger Bankiersfrau. Ihre Ehe ist eingeschlafen. Ihr Mann flüchtet sich in Affären, sie widmet sich Wohltätigkeitsarbeit. Teil davon ist es, für einen auserlesenen Musikkreis Konzerte zu organisieren. Dafür wird der berühmte polnische Pianist Witold Walczykiewicz nach Barcelona eingeladen, um dort ein Chopin-Konzert zu spielen. Dieser hat seine besten Zeiten mit über Siebzig eigentlich schon hinter sich. Und Beatriz verachtet seine kühle Interpretation von Chopins Stücken.

Als Veranstalterin muss Beatriz sich um den musikalischen Gast kümmern. Beim Essen nach dem Konzert kommen sie ins Gespräch. Nach Witolds Abreise hat Beatriz ihn fast schon vergessen, bis er wieder Kontakt zu ihr sucht. Und langsam entwickelt sich so eine ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden, die von Missverständnissen und Zurückweisung aber auch Faszination geprägt ist.

Coetzee schreibt über menschliche Missverständnisse

Wir erleben die Handlung vor allem aus der Sicht von Beatriz. Sie wirkt meist pragmatisch und distanziert und scheint die Beziehung zwischen den beiden mit ihren Entscheidungen zu bestimmen. Auch wenn eigentlich alles gegen eine Beziehung mit Witold spricht – Beatriz‘ Gedanken wandern immer wieder zu dem Polen zurück.

Der wortkarge Witold weist Beatriz dagegen eine erhabenere Rolle zu. Er vergleicht sie mit Dantes Beatrice, die dem Dichter nie ein Wort gesagt hat und er hat sie dennoch sein ganzes Leben lang geliebt.

Coetzee lässt vieles für die Interpretation des Lesers offen. Die beiden wirken nicht seelenverwandt, aber trotzdem ziehen sie sich wie Magnete an (wie der englische, doppeldeutige Titel The Pole suggeriert). Vielmehr erforscht Coetzee diese eigentlich unmögliche Beziehung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen. Die beiden sprechen nicht einmal die selbe Sprache, können sich nur in einer gemeinsamen Fremdsprache verständigen. Missverständnisse sind also vorprogrammiert. Sowohl in der Literatur, in der Musik und im Alltag brauchen sie eine Übersetzung. Damit stehen sie als Symbolbild für die leicht anfällige menschliche Kommunikation – die aber dennoch anziehend wirken kann.

Coetzees „Der Pole“ ist ein Roman zwischen Rationalität und Leidenschaft, der in eine reduzierte, subtile Sprache verpackt ist. Gleichzeitig spürt man das Verlagen nach Nähe und Zuneigung zwischen den Zeilen wabern. Ein Roman, der für mich nicht an das Meisterwerkt „Schande“ von Coetzee heranreicht, aber dennoch starke, moderne Belletristik ist.

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