Tess ist eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, die im ländlichen Süden Englands lebt. Als ihr Vater erfährt, dass die Familie angeblich von einem alten Adelsgeschlecht abstammt, wird Tess in eine Richtung gestoßen, die sie selbst nie gewählt hätte. Um Geld an Geld zu kommen, nimmt sie Kontakt zu den scheinbar entfernten Verwandten adeligen d’Urbervilles auf. Dort begegnet sie Alec, der Macht über sie gewinnt und ihr Leben entscheidend verändert.
Später tritt mit Angel Clare ein zweiter Mann in ihr Leben. Auch er prägt Tess’ Weg auf afolgenreiche Weise. Zwischen diesen beiden Männern entfaltet sich Tess’ Schicksal. Beide beanspruchen sie. Beide urteilen über sie. Tess bleibt ihnen ausgeliefert, egal wie aufrichtig ihre eigenen Absichten sind.
Hardy erzählt diese Geschichte ruhig und unbeirrbar. Tess versucht immer wieder, Verantwortung zu übernehmen und sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Ihre Handlungen werden als unmoralisch gemessen. Während die Männer, die ihr Leben bestimmen, sich frei bewegen dürfen. Neuanfänge versprechen Hoffnung, aber sie halten nie lange.
Der Roman erschien 1891 und sorgte schon damals für Aufsehen. Hardy bezeichnete Tess als eine reine Frau und stellte sich damit offen gegen die viktorianische Moral. Diese Haltung zieht sich durch den Text. Er verurteilt Tess nicht, sondern zeigt, wie gesellschaftliche Normen und männliche Macht ihr jede echte Wahl nehmen. Die Naturbeschreibungen stehen der Handlung nicht im Weg. Sie spiegeln Tess’ Müdigkeit und ihre wenigen ruhigen Momente.
Tess kämpft nicht laut. Sie erträgt viel zu lange. Man weiß früh, dass es kein gutes Ende nehmen wird und liest trotzdem weiter. Am Schluss bleibt vor allem das Gefühl, einer Figur begegnet zu sein, der kaum etwas zugestanden wird außer Durchhaltevermögen.
