Abdulrazak Gurnah: Diebstahl

Der Roman ist Gurnahs erster seit dem Literaturnobelpreis und führt uns in das heutige Tansania. Im Mittelpunkt stehen drei junge Menschen, deren Wege sich auf schicksalhafte Weise kreuzen. Karim kehrt nach dem Studium voller Ideen zurück in seine Heimat. Fauzia sieht in ihm nicht nur einen Partner, sondern auch die Möglichkeit, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Badar, ein Junge ohne Besitz, findet bei beiden Schutz und eine Art vorläufiges Zuhause.

Die Handlung spielt in einer Zeit des Wandels. Fortschritt und Tourismus verändern die vertraute Umgebung, während alte Strukturen mit neuen Chancen kollidieren. Gurnah erzählt nicht chronologisch, sondern verwebt Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden zu einem Netz aus Erinnerungen und Entscheidungen. Es geht weniger um große Taten als um die leisen Kräfte, die ein Leben formen.

Der Titel „Diebstahl“ meint keinen Kriminalfall, sondern den Verlust von Kontrolle, Sicherheit und Zugehörigkeit. Wer darf seine Geschichte erzählen? Wer bleibt unsichtbar? Besonders Badar, scheinbar die schwächste Figur, trägt eine stille Wucht in sich. Sein Leben zeigt, wie sehr Herkunft und Machtverhältnisse bestimmen, was möglich ist – und wie schwer es ist, sich davon zu lösen.

Gurnahs Sprache ist ruhig und präzise, voller Zwischentöne. Er verzichtet auf Pathos und große Reden und schafft stattdessen Momente, in denen kleine Gesten ganze Welten eröffnen.

Für mich ist „Diebstahl“ ein Roman über das, was uns im Stillen genommen wird, ohne dass wir es sofort bemerken, und eine Einladung, über die unsichtbaren Verluste in unseren eigenen Geschichten nachzudenken.

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