Siegfried Lenz: Deutschstunde

Siegfried Lenz Deutschstunde

Siegfried Lenz‘ Roman Deutschstunde gehört zu den wichtigsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur und ist ein moderner Klassiker. Der 600 Seiten starke Roman gilt gleichzeitig als das bekannteste Werk des deutschen Autors, der 2014 in Hamburg verstorben ist.

Pflicht vs. Schuld

Die Handlung des Romans teilt sich in zwei Ebenen. Zum einen treffen wir Siggi Jepsen, der in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche untergebracht ist. Dort werden die Insassen auch unterrichtet. In der Deutschstunde steht ein Aufsatz an zu dem Thema: Die Freuden der Pflicht. Aber am Ende der Zeit gibt Siggi ein leeres Heft ab. Der Lehrer ist empört, schickt ihn zum Schulleiter – und schon landet Siggi in einer Einzelzelle und darf erst wieder heraus, wenn der Aufsatz fertig ist. Was Lehrer und Schulleiter nicht wissen: Siggi hat nicht ein leeres Heft aus Protest abgegeben oder weil er dumm ist. Nein, die Aufgabe hat ihn emotional so aufgewühlt, dass er gar nicht wusste, wo er bei dem Thema anfangen soll.

Und dann schreibt Siggi. Schreibt über seine Vergangenheit, über seine Familie und die über die emotionale Achterbahn, die er bis heute durchlebt. Seine Aufzeichnungen bilden die zweite Ebene des Romans und die nehmen uns mit ins Jahr 1943. Siggis Vater ist Polizeiposten in dem kleinen norddeutschen Dorf Rugbüll, wo jeder jeden kennt und alle Nachbar familiär zusammenleben. Doch dann erhält der Vater den von der nationalsozialistischen Regierung den Auftrag, dem Maler Max Ludwig Nansen ein Malverbot auszusprechen und dieses auch zu überwachen. Nansen und der Polizist kennen sich seit ihrer Jugend und hat ihm sogar einmal das Leben gerettet. Aber trotzdem will der Polizeiposten das Gesetzt strickt durchsetzen, schließlich gilt Nansens Kunst als entartet und es ist seine Pflicht als Polizist, das Gesetz in dem Dorf zu vertreten.

Ein Vater gegen seine Söhne

Wie Pflicht versessen der Vater ist, sieht man bereits daran, dass er seinen anderen Sohn, der sich selbst verletzt hat, um aus der Armee entlassen zu werden und dann aus dem Lazarett flieht, verstößt und nicht aufnehmen oder verstecken will. Kein Wunder also, dass auch die Freundschaft zu dem Maler ihn davon nicht abhält, ein Auge zuzudrücken. Für Siggi ist das ein riesiges Problem. Der kleine Junge versteht weder, warum der Bruder nicht nach Hause darf, noch, warum man den Maler nicht in Ruhe lässt. Für ihn ist das Atelier wie ein zweites Zuhause, er fühlt sich bei dem Mann wohl, ist für ihn auch oft Modell. Und dann verlangt der Vater auch noch, dass der Junge den Maler bespitzelt und alles bei ihm meldet. Der Junge steht also vor einem riesigen Gewissenskonflikt: Soll er auf den Vater hören? Seinen Bruder und den Maler verraten? Oder hält er zu den beiden, versteckt die Bilder und den Bruder und belügt den Vater?

Pflichterfüller gegen Opportunisten

Auf der anderen Seite steht der Maler Nansen, der dem epressionistischen Maler Emil Nolde nachempfunden ist und der sich mit seiner Meinung und Haltung nicht nur gegen die Regierung sondern auch gegen den alten Freund, Siggis Vater, richtet. Trotz der ständigen Androhungen, Kontrollen und der Verfolgung besteht der Künstler auf seine Bilder und malt heimlich weiter. Für ihn ist die Pflicht eine Grenze, die man grundsätzlich überwinden muss:

Man muß etwas tun, das gegen die Pflicht verstößt. Pflicht das ist für mich nur blinde Anmaßung. Es ist unvermeidlich, daß man etwas tut, was sie nicht verlangt.“

Und zwischen den Stühlen? Dort sitzt der kleine Siggi, durch dessen naive Kinderaugen wir die Konflikte der Erwachsenen sehen, bemerken, wie die Nationalsozialisten langsam die Macht ergreifen, wie seine Mutter den behinderten Freund der Schwester vergrault und welche Not sein Bruder leidet, weil er nicht nach Hause flüchten kann.

In diesem Roman stecken so viele Aspekte und Lesarten – man kann das ganze nicht nur als Nachkriegsroman lesen, sondern auch als Bildungs- oder Künstlerroman. Diese Vielschichtigkeit wird gleichzeitig durch den doch relativ einfach Sprachstil verpackt, schließlich wird die Geschichte durch den jungen Siggi erzählt und muss zu seiner Person passen. Aber trotzdem lässt Lenz seinen Protagonisten ausschweifen, zeichnet Landschaften und Situationen detailliert nach, sodass man als Leser förmlich das Setting nachzeichnen könnte. Ich habe mich beim Lesen lange in diesen Schilderungen verloren und für mich war die Deutschstunde deshalb auch kein Buch für zwischendurch. Aber auf jeden Fall eines, dass mich auch nach dem Lesen noch lange beschäftigt hat.

 

 

Vielen Dank an den Hoffmann & Campe Verlag für das Rezensionsexemplar!

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