Rebecca West: Die Rückkehr

Rückkehr West Buchlingreport

Wow! Was für eine Power-Frau! Die britische Autorin Rebecca West muss wirklich eine spannende und begabte Persönlichkeit gewesen sein. Durch die Neuauflage ihres Klassikers „Die Rückkehr“ im dtv Verlag bin ich auf die feministische Autorin und Journalistin aufmerksam geworden. Und nicht nur das Buch hat mich unheimlich berührt, sondern das Leben der Schriftstellerin hinter dem Buch hat mich neugierig gemacht.

Rebecca West wurde tatsächlich 1892 als Cicely Isabel Fairfiel in London geboren. Der Vater, ein irischer Journalist, verließ die Familie als Cicely 8 war, woraufhin sie nach Edinburgh zog und Cicely später eine Ausbildung als Schauspielerin absolvierte. In der Schauspielerei vermutet man auch die Erklärung der Namensänderung: Rebecca West ist nämlich der Name einer Figur von Henrik Ibsen.

Rebecca West war Teil der Suffragettenbewegung, Geliebte des Autors H.G. Wells, aber vor allem eine radikale Schriftstellerin und Autorin. Sie schrieb über Jugoslawien, über die Geschichte des Balkans, den Nationalsozialismus und den Feminismus. Auch eine politische Studie über den Verrat im Zweiten Weltkrieg zählt zu ihren Werken. Außerdem schrieb sie für diverse Zeitungen und Magazine, wie den Daily Telegraph, die New York Herald Tribune, Harper’s Bazaar und Vanity Fair. 1946 war sie sogar für den Daily Telegraph als Berichterstatterin bei den Nürnberger Prozessen! Was für eine Karriere für eine Frau in der damaligen Zeit!

Bereits mit 26 Jahren veröffentlichte Rebecca West ihren Roman „Die Rückkehr“, der noch während des Ersten Weltkriegs erschien. Angeblich sei es der einzige Roman einer Frau über den Ersten Weltkrieg, der bereits zu dieser Zeit geschrieben wurde. Darin schildert West das Schicksal eines Soldaten, Chris Baldry, der an der Front einen Granatschock erleidet und sich nicht an die letzten 15 Jahre seines Lebens erinnern kann.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Chris‘ Cousine Jenny, die ihren Verwandten anhimmelt und – wie man immer mehr zwischen den Zeilen herauslesen kann – ganz schön verschossen in ihn ist. Sie lebt gemeinsam mit Chris und seiner Frau, der unterkühlten Kitty, in Baldry Manor und erwartet dort die Rückkehr des Soldaten. Eines Tages steht eine Frau mit dem Namen Mildred Grey vor der Tür, verkündet, dass Chris verwundet ist und das sie mehrere Briefe von ihm erhalten hat.

Nach und nach erfahren Jenny und Kitty, dass Chris  den oben geschilderten Granatschock erlitten hat. Für ihn ist die Zeit vor 15 Jahren stehen geblieben. Eine Zeit, in der Jenny noch ein junges Mädchen war, Chris unverheiratet – und in eben jene Mildred verliebt! Als Chris nach Hause geschickt wird, um sich von seiner Verletzung zu erholen, wird das Leben auf dem Landgut zu einer Zerreißprobe für die Frauen. Wie soll die Ehefrau damit umgehen, dass ihr Mann sich nicht mehr an sie erinnert? Wo soll Mildred mit ihren unterdrückten Gefühlen hin? Denn sie hat inzwischen einen anderen geheiratet und wird durch Chris’ Rückkehr in ihr Leben auch total durcheinander gewirbelt.

Schnell wird klar, dass dies kein typischer Kriegsroman ist. Es geht nicht um Soldaten, Kampf und Krieg. Sondern um die Gefühle dieser drei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Jede der Frauen versucht sich mit dieser schwierigen Situation zu arrangieren. Ihre Methoden sind dabei völlig unterschiedlich. Und jede hat dabei ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen.

Das ganze verpackt Rebecca West durch die Stimme von Jenny in wunderschönen, fast poetischen Sätzen, die man sich beim Lesen fast wie ein gutes Stück Schokolade im Mund zergehen lassen kann. In unheimlichen zarten, lyrischen Worten beschreibt die Autorin dieses tiefenpsychologische Trauma, das nicht nur den Patienten sondern auch alle um ihn herum ergreift. Rebecca West zeichnet nicht das harte Kriegsgeschehen, sondern zeigt auf, welche Schmerzen und Schäden der Krieg an der Seele der Soldaten aber auch an den Daheimgebliebenen anrichtet.

Dabei taucht das dünne Büchlein unheimlich tief in die Schicksale dieser drei Frauen ab, dass man kaum glauben kann, dass Rebecca West dazu nur knapp 200 Seiten benötigt. Und dann wünscht man sich, dass diese Seiten noch nicht vorbei sind und man noch mehr von diesen wunderschönen Sätzen lesen kann.

Mich hat Rebecca West wirklich umgehauen mit dieser Geschichte. Kaum zu glauben, dass die Autorin schon mit 26 Jahren in ihrem Erstlingswerk solche Töne anschlägt. Ganz unaufgeregt, ganz subtil, ganz poetisch hat sie ein Werk geschaffen, das den Krieg mal von einer ganz anderen Seite beleuchtet. Man kann nur hoffen, dass der dtv Verlag in Zukunft noch weitere ihrer Romane neu herausgibt!

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