Max Frisch: Stiller

Max Frisch Stiller Buchlingreport

Stiller verschaffte Max Frisch 1954 den literarischen Durchbruch. Durch diesen Erfolg war es Frisch möglich, seinen Job als Architekt an den Nagel zu hängen und sich ganz auf die Literatur zu konzentrieren. Zu Recht, denn mit seinen Romanen Stiller, Homo Faber und Mein Name sei Gantenbein ist er ein absoluter Klassiker der Nachkriegsliteratur und einer der meistgelesenen Autoren der Schweiz. Mit Stiller ist ihm ein anspruchsvoller Roman nach der Suche der eigenen Identität und der Flucht vor dem eigenen Leben.

Ich bin nicht Stiller – so proklamiert der Protagonist immer wieder. Der Mann wurde an der Schweizer Grenze festgenommen. Gibt sich mit seinem amerikanischen Pass als Mr. White aus. Aber alle wollen in ihm den lange Jahre verschollenen Künstler Anatol Ludwig Stiller erkennen. In der Untersuchungshaft schreibt er in mehreren Heften sein Leben nieder, versucht zu belegen, dass er eben nicht jener Mann ist: er erzählt von Abenteuerreisen durch Amerika, seinem Aufenthalt in Mexiko und mit jeder Erzählung werden seine Lügenmärchen immer offensichtlicher.

Später erfährt der Leser dann aber auch mehr über diesen ominösen Stiller. Der mit der Balletttänzerin Julika verheiratet war. Schnell wird klar, dass das keine Traumehe war. Die beiden verstanden sich nicht, Stiller betrog Julika und ließ sie letztendlich sitzen – als sie wegen ihrer Tuberkulose im Sanatorium stationiert war.

Ich versuche hier nicht zu viel zu spoilern. Aber um wenigstens etwas über diesen komplexen Roman sagen zu können, muss man schon beide „Ichs“ von Stiller nebeneinander stellen. Denn der Plot ist hochphilosophisch und schneidet viele Themen an: allen voran natürlich die Flucht vor unglücklichen Leben: der Ehe, die nicht läuft, der Beruf, der ihn nicht voranbringt, die Eifersucht auf den Erfolg seiner Frau. Aber auch vor seiner eigenen Persönlichkeit rennt Stiller davon: er ist ein Egoist, ein Feigling, der sich weder Problemen noch Gefahren stellen kann. White im Gegensatz dazu ist ein Held und Abenteurer, ein Frauenversteher, Womanizer und erfolgreich. Mit dieser Maske kann Stiller sich völlig neu erfinden und aus den alten Schubladen ausbrechen.

Er ist das weiße Blatt, das Stiller annimmt und es neu beschreibt und seine Geschichte ganz neu erfindet. Obwohl natürlich auch in den außergewöhnlichen Berichten Whites immer ein Stück der wahren Persönlichkeit dieses Mannes hineinzulesen ist.

Max Frischs Durchsbruchswerk ist ein unheimlich vielschichtiges Buch, dass man wohl immer wieder lesen kann und neues entdeckt. Dabei ist die Erzählung aber unheimlich leicht und flüssig zu lesen. Oft musste ich auch wirklich sehr über diesen verqueren Protagonisten lachen, der sich in der Rolle seiner Kunstfigur, herrlich über sich selbst und vieles andere auslässt. Mal Abenteuerroman, mal Liebesgeschichte, mal ganz philosophisch. Dieses Buch hat mich wirklich gut unterhalten, war nie „schwere Kost“ und dass trotz seiner Tiefgründigkeit. Wirklich ein Klassiker, dem ich jedem ans Herz legen kann.

 

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