Lesetipp des Monats: Miss Lonelyhearts

Miss Lonelyhearts

Nach einer längeren Pause, weil Laura und ich im wohlverdienten Urlaub waren, gibt’s hier auf dem Blog nun endlich was zum Lesen. Wir starten in den Oktober mit einem neuen Lesetipp und einer bitterbösen Komödie: Miss Lonelyhearts. 

Eckdaten zum Autor:

Nathan Wallenstein Weinstein alias Nathanael West wurde 1903 in New York geboren. Seine Eltern waren deutschsprachige Juden aus Litauen, die 1890 in die USA immigrierten. Die Eltern legten großen Wert auf gute Bildung für ihre Kinder, Religion spielte aber eher eine untergeordnete Rolle. Stattdessen sollten sich die Kinder bestmöglich in die amerikanische Gesellschaft integrieren. Nathanael entpuppte sich aber als schlechter Schüler, schwänzte notorisch, machte keinen Schulabschluss und fälschte sogar sein Schulzeugnis um ans College zu gehen. Am College entwickelte er sich zum Dandy, feiert viel aber entdeckte auch seine Liebe zur Literatur und entdeckte seine Vorliebe für abwegige und groteske Themen. Hatte aber auch immer mehr ein Problem mit seiner jüdischen Herkunft, die ihm einige Türen verschloss. Daher beschloss er auch sich umzubenennen. In den 1930ger Jahren schlug er sich als Drehbuchautor in Hollywood durch, schrieb aber auch vier kleinere Romane, von denen The Day oft he Locust als das beste Buch gilt, das je über Hollywood geschrieben wurde. 1940 starb West zusammen mit seiner Frau bei einem Autounfall.

Wichtigste und bekannteste Werke:

  • The Dream Life of Balso Snell, 1931
  • Miss Lonelyhearts, 1933
  • A Cool Million, 1934
  • The Day of the Locust, 1939

Inhalt:

Haben Sie Sorgen? Dann schreiben Sie Miss Lonelyhearts! – Klingt nach dem Inhalt wie eine schnulzige Schmonzette, die man im Urlaub am Strand liest. Nach einem Liebesroman. Oder einem Selbsthilfebuch. Aber hinter diesem blumigen Titel verbirgt sich ein bitterböser, gesellschaftskritischer Roman. Die angebliche Kummerkastentante der New Yorker Zeitung Post Dispatch ist in Wirklichkeit ein männlicher Redakteur, der sich tagtäglich durch die verrücktesten Briefe arbeiten muss. Er versucht, die Briefe nach besten Wissen und Gewissen zu beantworten, versucht es mit Mitgefühl und vor allem mit seiner Religiosität, bezieht sich in seinen Antworten oft auf die Bibel. Aber sein zynischer Chefredakteur sitzt ihm dabei im Nacken. Der will natürlich, dass diese neue Rubrik viele neue Leser für die Zeitung bringt. Für den Chef und die Kollegen ist die Rubrik ein Witz, ein Marketing-Gag um neuen Schwung in das Medium Zeitung zu bekommen. Und so diktiert er seinem Redakteur, der übrigens durchweg namenlos bleibt, völlig abstruse Antworten. Und abends bleibt dem verzweifelten Redakteur dann nicht mehr viel übrig, als seinen Kummer mit Alkohol zu begießen.

Miss Lonelyhearts ist gestrandet in diesem deprimierenden Dasein, die Briefe und das Leid seiner Leser ziehen in runter, er wird zum Alkoholiker, der sich in Bars prügelt, hat eine Affäre mit der Frau seines Chefs, streitet sich ständig mit seiner Verlobten und hat schließlich sogar noch Sex mit einer seiner Briefschreiberinnen, was schließlich zu einem fatalen Ende für den Redakteur führen wird…

Unsere Meinung:

Nathaniel West schildert in diesem dünnen Büchlein in kurzen, knappen und klaren Worten eindrucksvoll das verwirrende Innenleben seines Protagonisten, wie er immer mehr im Strudel seiner Verzweiflung versink und sich daraus nicht mehr befreien kann. Wie schon gesagt: Die Geschichte ist böse! Aber mich hat sie trotzdem unheimlich gut unterhalten! Ich mag solche zynischen Romane mit überraschend-drastischen Enden. Und da ich mich vorab nicht wirklich informiert hatte, worum es in dem Buch geht, war der Effekt gleich noch größer. Miss Lonelyhearts, der ja eigentlich seinen Leser aus ihrem Kummer helfen soll, versinkt selbst immer weiter in seinen Problemen. Er scheitert an sich, seinen religiösen Vorstellungen und an der Gesellschaft, für die Menschen wie er überholt zu sein scheinen. Religion und Mitgefühl scheinen in dieser Welt und besonders in der Zeitungswelt keinen Platz zu haben. Hier geht es um Quote, Verkauf und darum, den Lesern etwas spannendes zu bieten. Nicht darum, anderen Menschen zu helfen und beizustehen.

Aber gleichzeitig hat die Geschichte auch eine bittere Ironie an sich. Denn so sehr Miss Lonelyhearts versucht religiös und demütig zu sein, über solchen Menschen wie dem Chefredakteur zu stehen, desto m ehr verstrickt er sich selbst. Er ist kein Stück besser als die anderen, wenn er seine Verlobte betrügt, mit der Frau des Chefs ins Bett geht und sogar noch mit seinen Leserinnen, die doch eigentlich nur seinen Rat suchen. Er ist Alkoholiker, zieht durch Bars, prügelt sich dort. Und so ist er für mich genauso scheinheilig wie alle anderen. Vielleicht sogar noch mehr als alle anderen, denn die geben gar nicht erst vor nach Gottes Regeln zu leben. Und eigentlich bräuchte diese verlorene, namenlose Seele selbst eine Kummerkastentante, die sich seiner annimmt. Gleichzeitig ist bietet der Roman eine eindrückliche Gesellschaftskritik, die man heute noch mehr nachvollziehen kann als damals. Es geht nur noch um Schlagzeilen, darum Aufsehen zu erregen, das Individuum mit seinen Sorgen bedeutet in dieser Welt nichts mehr – wie es ja heute auch an vielen Stellen der Fall ist! Für mich war es deshalb ein unheimlich lesenswertes Buch, dass mich sehr zum Nachdenken angeregt hat!

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