Lesetipp des Monats: Die Mittagsfrau

Eckdaten zum Autor:

Julia Franck wurde 1970 als Tochter einer Schauspielerin und eines Filmregisseurs in Ost-Berlin geboren. Als Franck acht Jahre alt war reiste die Familie über ein Notaufnahmelager in die BRD aus und zog nach Schleswig-Holstein. Später studierte Franck Jura in Berlin und arbeitete als freie Journalistin, u.a. für den Tagesspiegel. Ihre literarische Laufbahn begann Julia Franck Mitte der 90ger Jahre mit Schreibwettbewerben, ihr richtiges Debut gab sie mit dem Roman „Der neue Koch“ 1997. Durch die Besprechung ihres Kurzgeschichtenbandes „Bauchlandung“ m Literarischen Quartett erhielt Franck endlich eine größere Öffentlichkeit. Ihr Roman „Die Mittagsfrau“ erhielt 2007 den deutschen Buchpreis und verkaufte sich daraufhin fast eine Millionen Mal und war über Monate auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Wichtigste und bekannteste Werke:

  • Der neue Koch, 1997
  • Bauchlandung. Geschichten zum Anfassen, 2000
  • Lagerfeuer, 2003
  • Die Mittagsfrau, 2007

Inhalt:

Stettin, 1945. Der siebenjährige Peter hat mit seiner Mutter den zweiten Weltkrieg und die Bombenangriffe überstanden. Oft wird der kleine Junge alleine Zuhause gelassen, weil seine Mutter als Krankenschwester arbeitet. Der Vater hat die beiden noch vor dem Krieg verlassen. Als Peter eines Tages zu früh aus der Schule heimkehrt, wird er Zeuge, wie russische soldaten seine Mutter vergewaltigen. Daraufhin packt die Mutter die Koffer und will mit Sack und pack nach Berlin fliehen. Sie schaffen es in einen der überfüllten Züge, müssen aber in Pasewalk umsteigen. Dort geht die Mutter, um Fahrkarten zu kaufen – und kommt niemals wieder.

Rückblende: Bautzen, 1907. Hier wachsen Helene und ihre ältere Schwester Martha in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Dem Vater gehört eine Druckerei. Die Mutter ist jedoch psychisch angeschlagen und labil. Ihr Mann liebt sie abgöttisch, aber das Verhältnis zu den beiden Kindern ist von Beginn an schon stark gestört. Die Mutter reagiert ablehnen und oft aggressiv auf ihre Kinder. Denn sie trauert um die vier Söhne, die sie jeweils nach der Geburt verloren hat. Als Jüdin wird sie auch von den Nachbarn der kleinen Stadt gemieden und geht eigentlich kaum aus dem Haus.

Schnell wird klar, dass Helene, obwohl die jüngste, die Verantwortung für die Familie trägt. Als der Vater in den Krieg ziehen muss, übernimmt Helene die Arbeit in der Druckerei. Und muss sich bald auch um ihre Schwester sorgen, die abhängig von Morphium wird. Nach dem Tod des Vaters und der steigenden Irrationalität der Mutter, die nur noch im Bett liegt, beschließen die beiden Mädchen nach Berlin zu einer Tante zu ziehen. Dort hoffen sie auf ein besseres Leben und mehr Chancen. Doch das frivole, aufregende, ausschweifende Leben im Berlin der 1920iger hält nicht lange an. Denn am Horizont ziehen bald die Vorzeichen für die Machtergreifung Hitlers auf.

Unsere Meinung:

Warum der Roman nun aber die Mittagsfrau heißt? Das wird im Text ehrlich gesagt auch nur kurz benannt. Nach einer sorbischen Legende erscheint die Mittagsfrau an Erntetagen den Menschen, die zur Mittagszeit arbeiten. Sie bringt diese um den Verstand und schneidet ihnen mit einer Sichel den Kopf ab. Erzählt man ihr aber eine Stunde lang von der Verarbeitung des Flachses, dann kann man sich vor diesem Schicksal retten. Die Sprache funktioniert hier also als Retter in der Not. Im Gegensatz zu Helenes Weg. Mit jedem Scheitern wird sie immer geht ihr ein Stück Sprache verloren. Bis sie fast ganz verstummt.

Und so müssen auch wir lernen zwischen den Zeilen zu lesen. Nicht alles wird in diesem Buch ausgesprochen, viele Zusammenhänge müssen erschlossen werden. Das ist aber kein Manko, sondern macht das Lesen auch irgendwie besonders. Es sind eben oft die stillen Momente zwischen den Figuren, die unausgesprochenen Wörter, die die Geschichte ausmachen. Julia Franks Stil ist subtil, unaufgeregt und trotz allem eindringlich.

So viele Romane wurden schon über diese schreckliche Zeit in Deutschland geschrieben. Und Julia Frank schafft es trotzdem, mit ihrem Buch eine Geschichte zu erzählen, die nicht voller Klischees steckt, einen von der ersten bis zur letzten Seite auf ein gutes Ende für die Protagonistin hoffen lässt. Der Terror der Nazis, der aufziehende Krieg etc. werden namentlich nie wirklich erwähnt – und wirken dennoch bedrohlich wie nie. Ein Buch, das einen völlig in seinen Bann zieht!

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