Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

Gehe hin stelle einen Waechter von Harper LeeEs ist das Literatur-Highlight 2015! Der neue Roman von Harper Lee hat die ganze Buch-Welt dieses Jahr durcheinander gebracht. Denn bisher hat die inzwischen 89-Jährige nur einen Roman veröffentlicht, der ihr über Nacht Weltruhm einbrachte. 1960 erschien „Wer die Nachtigall stört“, wurde ein Jahr später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und zählt mit 40 Millionen verkauften Exemplaren sowie Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen immer noch zu den meistgelesenen Büchern der Welt. Grund genug auch, dass „Wer die Nachtigall stört“ auch unser Lesetipp des Monats August geworden ist. (Mehr dazu könnt ihr hier lesen.)

Der neu erschienene Roman“Gehe hin, stelle einen Wächter“ soll das Erstlingswerk von Harper Lee gewesen sein. „Angeblich“ verschwand das Manuskript, wurde vergessen und sei erst „durch Zufall“ von Lees Anwältin bei Aufräumarbeiten gefunden worden sein. Für meinen Geschmack scheinen das allerdings ganz schön viele Zufälle auf einmal zu sein. Da ich ja auch in der PR-Branche arbeite, dachte ich gleich: Schöne PR-Aktion. So kann man eben auch eine Menge Aufmerksamkeit für sein neues Buch bekommen. Die Frage ist: Warum veröffentlicht Harper Lee – obwohl sie doch immer sagte, sie will nie wieder ein Buch auf den Markt bringen – nun doch wieder eine Geschichte? Es gab sogar Gerüchte, dass Lee gezwungen wurde das Buch zu veröffentlichen. Wobei diese gleich wieder dementiert wurden – von ihrer Anwältin. Mehr dazu findet ihr hier.

Doch nun endlich zum Buch: In ihrem neuen-alten Roman nimmt Lee uns wieder mit nach Maycomb, allerdings 20 Jahre nach To Kill A Mockingbird. Scout ist erwachsen geworden, ihr Bruder Jem ist früh verstorben und Vater Atticus ist inzwischen alt und krank. Scout kommt von der Uni in New York zurück in ihre Heimatstadt und muss feststellen, dass sie sich vollkommen entfremdet hat. Nicht nur von den Bewohnern – sondern auch von ihrer Familie, allen voran ihr Vater, ihre „Ersatz-Mutter“ Calpurnia und ihr Fast-Verlobter Henry Clinton. Auf einmal gibt es in dem Städtchen einen Bürgerrat, der versucht die Emanzipation der Schwarzen in „geregelte Bahnen“ zu lenken – und wer sitzt ganz vorne an dessen Tisch mit dabei? Atticus und Henry.

Scout ist geschockt! – Und so ergeht es auch vielen Lesern, mich natürlich miteingeschlossen. Was ist aus dem Atticus Finch geworden, der den jungen Tom Robinson vor Gericht gegen die weiße Übermacht verteidigt hat? Wie kann dieser literarische Held auf einmal so tief fallen? Oder wie es der Tagesspiegel formuliert: sich von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde verwandeln? Ein Buchladen in Michigan geht sogar soweit, dass er seinen Kunden das Geld für das Buch zurückgibt und schreibt auf seiner Website: This is pure exploitation of both literary fans and a beloved American classic.

Nach der „Entlarvung“ von Atticus‘ politischer Haltung wandelt sich das Buch inhaltlich vor allem zu einer Studie des Erwachsenwerdens. Scout wird völlig Desillusioniert, ihr – und unser – Vorbild Atticus wird von seinem unanfechtbaren Thron gestoßen und mit dieser, neuen harten Realität müssen wir alle gemeinsam versuchen umzugehen. Und so stehen wir nach dem Lesen ebenso wie Scout auch alleine vor der Kernaussage des Buches: „Die Insel eines jeden Menschen, der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“ Diese harte Lektion muss Scout erst einmal verdauen und ist kurz davor alle Brücken hinter sich abzureißen.

Neben dieser fast schon an einen Bildungsroman erinnernden Thematik ist das Buch, obwohl es schon so alt ist, politisch noch immer brandaktuell. Es erinnert sehr an die Unruhen in Fergusson und Baltimore, die noch immer die schwelen.

Trotz der Enttäuschung über Atticus‘ Wandlung habe ich das Buch unheimlich gerne gelesen. To Kill A Mockingbird war eines meiner Lieblings-Schulbücher, das wir im Englisch-LK lesen mussten. Und kaum hatte ich die ersten Sätze aus „Gehe hin, stelle einen Wächter“ gelesen, fühlte ich mich gleich wieder in diese Atmosphäre zurückversetzt. Ich hatte fast das Gefühl, die sommer-warme Hitze von Maycomb auf der Haut zu spüren und durch die Rückblicke in Scouts Kindheit, war die ganze Stimmung vom Vorgängerbuch gleich wieder gegenwärtig. Die gegenwärtigen Schilderungen wiederum sind beklemmender, aufwühlend aber auch authentischer – denn welcher Mensch ist nicht fehlbar? Macht die Geschichte Atticus nicht einfach menschlicher? Dies wird auch durch die veränderte Erzählerstimme deutlich. Jetzt spricht nicht Scout als Ich-Erzähler wir bei der Nachtigall, sondern es ist eine externe Erzählerstimme, die uns über die Vorkommnisse berichtet. So verliert die Handlung gezwungernermaßen die kindliche Naivität. Und wir als Leser können etwas eher entscheiden, ob wir wirklich auf allen Ebenen mit Scout einverstanden sind, ihre Meinung teilen oder vielleicht doch die Beweggründe ihres Vaters verstehen können oder nicht – denn schließlich müssen auch wir Leser unser eigens Gewissen befragen und für dieses einstehen. Für mich war Gehe hin, stelle einen Wächter daher ein wirklich tolles und intensives Leseerlebnis!

 

Vielen Dank an dva für das Rezensionsexemplar!

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