Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

benedict-wells-vom-ende-der-einsamkeitBücher machen Spaß. Bücher sind Balsam für die Seele. Manche Bücher fesseln einen beim Lesen. Andere unterhalten einen. Und dieses Buch? Das hat mich total umgehauen und zu Tränen gerührt. Unglaublich, dass ein so junger Autor wie Benedict Wells einen so tiefsinnigen, einfühlsamen Roman schreibt, der sich mit quasi der größten aller Fragen auseinandersetzt: Was wäre, wenn? Was wäre passiert, wenn ich mich für einen anderen Weg entschieden hätte? Für eine andere Antwort? Für ein anderes Leben? Wäre ich trotzdem die Person, die ich heute bin?

Ich hab überlegt, was passiert wäre, wenn ich nach Frankreich gegangen wäre und dort gelebt hätte. Wenn ich einen Unfall gehabt hätte. Wenn wir uns nie gesehen hätten. Es hat in meinem Leben so viele Abzweigungen gegeben, so viele Möglichkeiten, ein anderer zu sein.

Die Geschwister Jules, Marty und Liz wachsen wohlbehütet auf – bis ihre Eltern eines Tages durch einen Unfall ums Leben kommen. Danach scheint im Leben der drei nichts mehr, wie es war. Da die Tante sich nicht um sie kümmern kann, kommen die Kinder in ein Internat. Dort entfremden sich die drei immer mehr voneinander. Marty, der schon immer ein Außenseiter war, wird immer mehr zum Computergeek. Liz wird zum angesagtesten Mädchen in der Schule, lässt sich mit älteren Jungs ein, nimmt früh Drogen und bricht die Schule schließlich ab. Und Jules? Er ist der Erzähler dieser Geschichte – und leidet am meisten unter dem Verlust der Eltern und schließlich auch unter der Entfremdung seiner Geschwister.

Jules zieht sich immer mehr in Traumwelten zurück. Der einst so selbstbewusste Junge wird zum sensiblen, melancholischen Einzelgänger. Bis eines Tages Alva sich neben ihn setzt – und seine einzige Freundin wird. Mit ihr kann er über alles sprechen, sich ihr anvertrauen – doch zum Ende der Schulzeit verlieren sich die beiden aus den Augen. Denn Jules hat „nie den Mut gehabt, sie zu gewinnen, immer nur die Angst, sie zu verlieren.“

Auch nach der Schule versuchen die Geschwister weiter den schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten und sich ein normales Leben „zu „erarbeiten“. Marty ist beruflich erfolgreich und heiratet – leidet aber an Zwangsticks, die er nicht kontrollieren kann. Liz versucht den Mann fürs Leben zu finden, zu heiraten und sich niederzulassen – doch mit der Wahl ihrer Männer scheint sie sich und ihr Glück jedes Mal selbst zu boykottieren. Jules wiederum strauchelt weiter. Er versucht sich als Fotograf, da sein Vater ihm kurz vor seinem Tod eine Kamera schenkte und Jules so einen alten Streit zwischen den beiden versucht wieder gut zu machen. Und natürlich auch, um damit seinem Vater näher zu sein. Als sich dann plötzlich sein Weg mit dem von Alva kreuzt, scheint sein Leben eine ganz neue Wendung zu nehmen – und die Einsamkeit endlich ein Ende zu haben! Endlich scheint er die Möglichkeit zu haben, in ein neues Leben einzutauchen, das alte hinter sich zu lassen und sich wieder neu zu erfinden – wenn dies denn möglich ist. Denn über allen Schicksalen der Hauptfiguren steht die Frage:

Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre. egal, welchen Verlauf es genommen hätte. Gibt es Dinge in einem, die alles überstehen?

Zwangsläufig ist die Stimmung des Buches unheimlich melancholisch und nachdenklich, aber trotzdem schafft Wells es, mit seinem einfachen Sprachstil und ironischen Akzenten dem ganzen eine besondere Leichtigkeit zu geben. Da fragt man sich, wie so ein junger Autor eine so tiefgründige Geschichte fast schon aus dem Ärmel zu schütteln scheint. Mich hat Jules und Alvas Schicksal unheimlich berührt, so sehr, dass ich am Ende tatsächlich einige Tränchen vergossen habe – und das passiert mir wirklich selten!

Vielen Dank an Diogenes für das Rezensionsexemplar!

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