Antonio Lobo Antunes: Fado Alexandrino

Puh! Ganz schön harter Tobak. Ich glaube, ich hatte lange kein Buch mehr, an dem ich so schwer zu knabbern hatte, wie an Antunes‘ Fado Alexandrino. Und das lag nicht nur an der deprimierenden Geschichte, die der protugiesische Autor schildert, sondern auch an dem sehr speziellen Schreibstil, in den man sich erst einmal einfinden muss. Denn, wenn man einmal nicht richtig aufpasst beim Lesen, hat man total den Faden verloren.

Ein Buch voller Anti-Helden

Worum geht es also? Zehn Jahre nach der Nelkenrevolution von 1974, die den Kolonialkriegen Portugals sowie dem Salazar-Regime ein Ende bereitet, treffen sich fünf Kriegsveteranen zu einem Wiedersehen in Lissabon. Vier der Männer, ein Soldat, ein Funker, ein Leutnant und ein Oberstleutnant, erzählen ihrem Hauptmann, wie es ihnen in den vergangenen Jahren ergangen ist. Der Hauptmann selbst ist stiller Zuhörer des Ganzen.

Es wird schnell deutlich: Die Männer sind alle gescheiterte Persönlichkeiten. Anti-Helden, die alle in einer Welt aus Angst, Elend, Minderwertigkeitskomplexen und Missetaten gefangen sind und trotz lauter Wünschen und Sehnsüchten unfähig sind, aus diesem Strudel auszubrechen. Nach dem Krieg in Mosambik versuchen alle sich in der Heimat wieder zurecht zu finden, geplagt von den Kriegsbildern, ohne richtige Aufgabe daheim. Die vorrevolutionäre Stimmung schürt Hoffnungen auf ein besseres Leben, nur um dann noch den Kämpfen sich in Enttäuschung zu verwandeln. Dazu kommen die „persönlichen“ Probleme der Protagonisten: Der Soldat verdient sich als Stricher Geld dazu, um seine Freundin ausführen zu können. Der Funker wird von der Geheimpolizei gefoltert und gequält, bis er an seinen kommunistischen Grundsätzen zweifelt. Der Oberstleutnant, der es seiner Frau nicht verzeihen kann, dass sie einen Tag vor seiner Rückkehr verstarb. Oder der Leutnant, der vor dem Krieg eine Frau aus gutem Hause heiratet, aber sich ständig an das junge, schwarze Mädchen erinnert, das er in Mosambik gekauft und geschwängert hat.

Stream-of-Consciousness

Dabei vermischen sich die Schilderungen der Männer beim Sprechen. Ihre Geschichten überlagern sich, sie unterbrechen sich, kommentieren den anderen. Teilweise sind es nur halbfertige Sätze. Je länger die Nacht wird, desto betrunkener werden die Männer, desto zerstückelter werden ihre Berichte und desto dunkler werden die Erlebnisse. Antunes beschwört ein Stimmengewirr herauf, bei dem die Erzähler nicht davor scheuen, ihr Leben nicht nur unchronologisch zu erzählen, sondern manchmal auch mitten im Satz einfach das Thema oder die Zeitebene zu wechseln. Wenn man als Leser hier nicht aufpasst, ist man schnell raus aus der Geschichte.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, wusste ich ehrlich gesagt nicht so wirklich, was ich daraus machen sollte. Also habe ich mich ein bisschen schlau gegoogelt. Dabei bin ich auf einen Artikel in der Welt gestoßen, die Antunes interviewt hat. Dort sagte er sehr schön:

Ich möchte nicht gelesen werden. Ich möchte, dass mein Buch eine Art Krankheit ist. Als litte man an einem Fieber.

Als ich das las, dachte ich: Ja, das passt. Man wird beim Lesen ganz konfus, strudelt mit diesen Anti-Helden gemeinsam durch die Zeit, wird von ihnen hinab gezogen. Und es macht einen irgendwie ein bisschen verrückt… Ehrlich gesagt, hat es mich ein bisschen an meine erste Lektüre von Thomas Manns Der Zauberberg erinnert. Der mich auch zunächst etwas überfordert zurückgelassen hatte. Aber Mann selbst sagte: Man muss den Zauberberg mindestens 7 Mal lesen, bis er sich wirklich erschließt. Inzwischen habe ich ihn fünf Mal gelesen und es wurde mit jedem Mal besser. – Vielleicht ist Fado Alexandrino genauso ein Buch. Und offensichtlich hat es ja das erreicht, was Antunes wollte: Es fühlte sich nicht gut an, sondern unbequem, genauso wie das Leben der vier Anti-Helden.

 

Vielen Dank an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar!

Facebooktwittergoogle_plusrss

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*