Amélie Nothomb: Töte mich

Bringt der Vater am Ende wirklich seine eigene Tochter um?

Das ist die große Frage, die es geschafft hat, dass ich die 110 Seiten von „Töte mich“ fast am Stück durchgelesen habe! Die Problematik kristallisiert sich bereits auf den ersten Seiten heraus. Wir sind beim belgischen Landadel: Graf Neuville wird frühmorgens von einer Wahrsagerin angerufen. Sie hat nachts im Wald seine jüngeste Tochter Sérieuse zitternd vor Kälte aufgefunden und mit zu sich nach Hause genommen. Graf Neuville kann kaum glauben, dass seine 17-jährige Tochter von daheim weggelaufen sein soll und spielt die Situation herunter. Am Ende des Gespräches mit der Wahrsagerin prophezeit sie ihm aus heiterem Himmel, dass er an seiner eigenen, unmittelbar bevorstehenden Gartenparty einen Gast umbringen wird.

Grad Neuville ist entsetzt und will den Worten der Hexe erst keinen Glauben schenken. Doch er kommt nicht davon los und überlegt sich Tage lang, um welchen Gast es sich denn handeln könnte und ob es vielleicht ein Gast mehr verdient hätte zu sterben als ein anderer. Sérieuse hatte die Wahrsagung aus dem Nebenzimmer mithören können und bietet nun ihrem Vater die optimale Lösung an: Er solle doch einfach sie töten, da sie eh nichts mehr fühlen kann und sterben möchte. Der Graf ist anfangs entsetzt, wird aber mehr und mehr von seiner Tochter überzeugt! Wird er es am Ende wirklich tun?

Während ich als Leserin mitgezittert habe, ob und wie sich die Prophezeihung bewahrheitet, fand ich den psychologischen Blick auf die Personen total spannend. Vor allem die Figur der Sérieuse. Sie wird als fröhliches und intelligentes Kind beschrieben, die sich plötzlich mit 12 Jahren in sich zurückzieht, aussieht wie eine Tote und kaum mehr ein Wort redet. Nun ist sie schon 17 Jahre und ihre Eltern haben sich all die Jahre über keine Sorgen um ihre Tochter gemacht, sondern ihr Verhalten auf die Pubertät geschoben. Durch die absurde Bitte macht sich der Graf nun endlich langsam Gedanken, was seiner Tochter eigentlich schreckliches zugestoßen sein muss, damit sie nicht mehr weiterleben will.

Amélie Nothomb klärt auf

An dieser Stelle hat mir die Lesung von Amélie Nothomb bei der Open Books Night in Frankfurt am 11. Oktober weitergeholfen. Dort habe ich erfahren, dass Amélie Nothomb in viele ihrer Bücher autobiografische Züge einwebt. Und so hat sie im Gespräch erzählt, wie sie als 12-jährige im Badeurlaub am Golf von Bangladesh von mehreren Männer im Wasser sexuell belästigt wurde. Ihre Mutter hat es vom Strand aus mitbekommen und ist dann eingeschritten, aber sie hat nie mit ihr darüber gesprochen. Ihre Eltern hätten den Vorfall einfach totgeschwiegen. Genau zwischen 12 und 17 Jahren hat Amélie dann auch eine schwere Phase der Magersucht durchgemacht, der wohl auf einem Pakt mit ihrer Schwester beruhte. Aus diesem Wissen zieht der Leser dann automatisch die Paralleln zu Sérieuse.

Es hat mich sehr beeindruckt, wie offen Amélie Nothomb über ihre Kindheit und Jugend und auch über die Beziehung zu ihren Eltern gesprochen hat. Sie ist überhaupt eine sehr beeindruckende Persönlichkeit und sorgt mit ihrem großen schwarzen Hut und der komplett schwarzen Kleidung immer für ein exzentrisches Erscheinungsbild. Eine wahre Grande Dame der gegenwärtigen Schauerliteratur, passend  jetzt zu Halloween 😉

Wenn ihr sie auch mal sehen und ihr zuhören wollt, dann könnt ihr jetzt noch das Arte TV-Interview von der Buchmesse im Internet anschauen. Hier erklärt sie höchstpersönlich wie sie über einen so dramatischen Sachverhalt so witzig schreiben kann. Das möchte ich euch wirklich wärmstens empfehlen.

Jetzt frage ich euch:

Das ist bisher das zweite Buch, das ich von Amélie Nothomb gelesen habe.  Das erste war „Die Kunst, Champagner zu trinken“. Das habe ich mir natürlich bei der Lesung auch direkt signieren lassen. Nun habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht 2018 meine eigene persönliche Challenge starten soll und alle anderen Bücher von ihr, die es bisher auf Deutsch gibt, lesen soll? Würde euch das interessieren?

Freue mich über eure Meinungen!

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