Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende Sommer Buchlingreport

Drei Personen, drei schwere Schicksale – und ein Autounfall der alles durcheinander wirbelt. Der neue Roman „Ein unvergänglicher Sommer“ von Isabel Allende startet mit einem Wintersturm in Brooklyn. Richard und Lucia, beide in ihren 60gern, kennen sich über ihre Anstellung an der Universität. Richard ist ein schrulliger Professor, lebt alleine mit seinen vier Katzen und ist ziemlich unnahbar. Trotzdem hat er der temperamentvollen Lucia, Dozentin aus Chile, die er an die Uni eingeladen hat, ein Keller-Zimmer in seinem Mietshaus angeboten. Lucia wiederum ist froh, nach ihrer frischen Scheidung sich in den USA abzulenken. Die beiden durch den harten Wintersturm praktisch eingeschneit und leiden unter der Kälte im Haus. Aber als Richard feststellt, dass eine seiner Katzen Frostschutzmittel getrunken hat, muss er sich doch in das Schneegestöber quälen und den Kater zum Tierarzt bringen. Auf dem Heimweg kommt es zu einem Unfall. Richards Wagen rutscht auf einen anderen, in dem die junge Evelyn sitzt. Die beiden tauschen Kontaktdaten aus, damit der Schaden beglichen werden kann. Doch nur wenig später steht das Mädchen vor Richards Tür und will nicht wieder verschwinden.

Mit Lucias Hilfe bekommt Richard das junge Mädchen aus Guatemala doch noch zum Sprechen: Evelyn ist ohne Papieren in den USA, hat sich ohne Erlaubnis den Wagen der Familie genommen, für die sie arbeitet – und hat im Kofferraum des Autos eine Leiche gefunden! Für Lucia ist schnell klar: Das Mädchen braucht Hilfe! Richard sträubt sich aber. Denn warum soll er sich denn um die Sorgen anderer kümmern? Und so entspinnt sich nach und nach eine abenteuerliche Geschichte, bei der die drei versuchen den Wagen und damit auch die Leiche loszuwerden.

Parallel dazu erzählt Isabel Allende über Flashbacks immer mehr über die Schicksale der drei Protagonisten. Wir erfahren mehr über Lucias Leben, die in Chile aufgewachsen ist und dort vor dem Militärputsch fliehen musste, der ihre Familie zerstört hat. Evelyn wiederum wächst ohne Mutter in Guatemala auf. Diese ist nämlich in die USA ausgewandert, hat die drei Kinder bei der Großmutter gelassen. Es geht hier um Jugendbanden, Kriminalität, Morde und Gewalt, der sich die Familie ständig ausgesetzt sah. Ohne zu viel verraten zu wollen, fand ich die Geschichten der beiden sehr berührend und spannend geschrieben. Für mich waren das die wirklich spannendes Kapitel dieses Buches!

Im Gegensatz zu den beiden starken Frauen, die ihr Schicksal immer in die Hand nehmen und trotz aller Hindernisse weiter kämpfen, sieht Richard sehr lange ziemlich blass aus. Er ist ein alter Meckergreis, mit dem ich beim Lesen so gar nicht warm wurde. Gerade wenn man die drei gegenüber stellt, wirkt er eher wie einer der „reichen, weißen Männer“, die nur jammern, verweichlicht sind. Er muss ständig Tabletten schlucken wegen seines Magengeschwürs, es gibt etliche „Toilettenerlebnisse“. Kurz: Lange ist Richard einfach nur ein Jammerlappen. Weshalb er mir wirklich auf den Keks ging zwischendurch. Erst spät erfährt man wirklich, welches Schicksal er vor den anderen versteckt, wie sehr er gelitten hat und welche dunklen Geheimnisse er mit sich rumträgt. Dann wird einem natürlich klar, warum er so abweisend ist. Aber bis dahin muss man eine Menge Geduld mit dem guten Mann und dem Erzählstil Isabel Allendes haben.

Nach und nach bekommt man also mit, dass jeder quasi sein Schicksalspäckchen zu tragen hat. Aber man deshalb nicht aufgeben und sein Herz nicht verschließen darf! Auch nach dem härtesten Winter kommt wieder ein Frühling und ein Sommer, der das Eis zum Schmelzen bringen wird. Diese Botschaft ist natürlich sehr poetisch. Aber Isabel Allende greift hier auch brandaktuelle politische Themen auf. Angefangen natürlich von den Unruhen und Kriegen in Südamerika wird hier auch ganz klar der Bezug auf Trump und seine Einwanderungspolitik hergestellt – und natürlich auch mächtig kritisiert! Ganz zurecht natürlich. Ganz bezeichnend fand ich deshalb folgende Stelle:

Niemand ist illegal auf der Welt, jeder hat das Recht in ihr zu leben. Geld und Verbrechen halten sich nicht an Grenzen. Warum sollten Menschen das tun?

In dieser Geschichte war wirklich viel Schönes dabei: der aktuelle Bezug, starke Frauen, spannende Konflikte und eine poetische Botschaft. Trotzdem muss ich zugeben, dass mich Isabel Allende nicht komplett packen konnte. Ich habe mich immer wieder dabei erwischt, das Buch zur Seite zu legen, genervt zu sein von Richard und die Frostschutz-Unfall-Leiche-im-Auto-Story war mir irgendwie auch ein bisschen zu abgehoben und die Figuren einen Hauch zu sehr Klischee. Für mich war es deshalb kein komplettes Jubel-Buch, aber ein netter Sommerschmöker.

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